~ Dr. Frank Hess Geschichten ~
 

Sparsam ist nicht geizig!

Punkt sieben Uhr klingelte der mechanische Wecker von Oberamtsrat Lothar Schimmelpfennig. Missmutig schob er seine grobporige Nase unter der doppelt wattierten Steppdecke hervor und tastete auf dem Nachttisch nach seiner Brille. Nachdem er selbige mit einem geübten Handgriff auf seiner Nase befestigt hatte, kratzte er sich routiniert am Sack und setzte sich auf die Bettkante. Sein Blick fiel auf das Thermometer an der Wand. Fast zwölf Grad. Verdammt, und dabei hatte er die Heizung doch schon auf „minimal“ gestellt! Dafür hatte er bei IKEA im reduzierten Angebot nicht teuer Geld für eine arktisfeste Polyestersteppdecke ausgegeben, dass nun im Schlafzimmer fast tropische Temperaturen herrschten! Was für eine Verschwendung. Er zog die Pelzmütze vom Kopf und schlüpfte in seine abgetragenen Kamelhaarhausschuhe. Die rote Bommel am rechten Latschen fehlte schon lange, aber da der nach Schimmelpfennigs Ansicht nur einen zu vernachlässigten Isolierungswert hatte, wurde er nicht ersetzt. Das wäre eine unnütze Investition gewesen. Schimmelpfennig schlurfte ins Bad. Er hatte vor einiger Zeit errechnet, dass das morgendliche Duschen, Zähneputzen und die Benutzung der Toilette pro Tag etwa 21 Liter Wasser verbrauchte, das waren über vier Cent! Selbst, wenn er den Spülkasten desöfteren mit aufgefangenem Regenwasser auffüllte. Und da waren Seife, Zahnpasta und Klopapier noch gar nicht mit einkalkuliert. Natürlicher Abrieb und Verschleiß von Bürsten und Duscharmatur ebenfalls nicht. Diesem Raubbau an Ressourcen musste er einen Riegel vorschieben. Er würde nicht mit offenen Armen in den Ruin laufen, er nicht!

Im Teekessel war noch genug Wasser von gestern, so dass er kein neues aus der Leitung brauchte. Der Discounterpfefferminzteebeutel war auch noch einmal zu gebrauchen. Der Tee war etwas dünn, aber er schmeckte noch deutlich die ätherischen Öle der Pfefferminze heraus. Zum Eintunken eines altbackenen Brötchens eignete er sich noch hervorragend. Das Eintunken war erforderlich, denn Schimmelpfennig dachte nicht im Traum daran, sein sauer verdientes Geld irgendwelchen Zahnklempnern in den gierigen Rachen zu werfen. Er schnupperte am Teebeutel und hängte ihn nach kurzem Überlegen zum Trocknen an die Küchenlampe. Nun war es Zeit, sich auf den Weg zur Arbeit zu machen. Wie der Name fast verrät, arbeitete Oberamtsrat Schimmelpfennig als Oberamtsrat im Verwaltungsgebäude seiner Stadt. Zumindest hielt er seine Tätigkeit im Amt für Arbeit. Den Weg dorthin legte er auf seinem Fahrrad Marke „Wanderer“, Baujahr 1927, zurück. Das gute Stück hatte seinerzeit seine Großmutter erfolgreich vor den Russen versteckt und funktionierte bis auf Rücktritt und Beleuchtung noch einwandfrei.

07.56 Uhr betrat er das Büro, wie immer als Erster. Sogar vor dem Bürgermeister. Darauf war er stolz! Er befüllte die Kaffeemaschine mit reichlich frischem Wasser und acht gehäuften Teelöffeln Kaffeepulver aus einer Dose mit der Aufschrift „Eigent. v. Bauamtsleiter Kalck-Jablonski“, nahm eine große Tasse aus dem Schrank und erfreute sich an dem Gluckern und Zischen der Apparatur. Aus Vorfreude auf den schönen Pott gönnte er sich ein paar Kekse von Sachbearbeiterin Gudrun Kleinschmidt. Dann ging er konzentriert an die Arbeit. Mit gefüllter Tasse, einem letzten Keks im Mund und der Tageszeitung verschwand er in seinem Büro. Erste Amtshandlung: Kalenderblatt abreißen. Zum Glück war nicht Montag, also war es auch nur ein Blatt. Uff, das wäre geschafft. Zweite Amtshandlung: Hinsetzen, Computer hochfahren und Stempelkissen aufklappen. Das waren ja drei Amtshandlungen auf einmal! Schimmelpfennig schnaufte durch und fuhr sich mit seiner verschwitzten Hand durchs schüttere Haar. Nun erst mal ausruhen und überlegen.

Inzwischen füllten sich die Nachbarbüros und die Luft war erfüllt von Kaffeedunst, gedämpftem Geplapper und dem Klackern von Tasten. Tasten, das war das Stichwort. Schimmelpfennig schielte auf die Bürouhr. Halb Neun. Genau die richtige Zeit, mal seinen Cousin anzurufen. Der war nämlich 1961 nach Australien ausgewandert und betrieb dort eine Dachrinnenklempnerei. Und hatte jetzt Feierabend, der Glückliche. Viel hatten sie sich nicht zu sagen und kurz vor Zehn war das Gespräch, das unter „Internationale Verwaltungskontakte“ gebucht wurde, auch schon beendet. Außerdem war jetzt sowieso Frühstückspause. Schimmelpfennig verspürte ein Rumoren im Darm. Nein, er war doch nicht so dämlich, während seiner hart erarbeiteten Pause aufs Klo zu gehen! Das musste warten. Schimmelpfennig kämpfte mit verkniffenem Gesicht gegen die Natur. Zu allem Unglück klopfte es und der stellvertretende Bildungsdezernent Lohmeier trat ein.

„Guten Morgen, Herr Oberamtsrat! Ob Sie mir vielleicht mal ein paar Büroklammern leihen könnten?“ Soweit kommt es noch! Schimmelpfennigs Antwort war eindeutig und kurz: „Nein“. „Aber da in der Schale liegen doch mindestens 100 Stück!“, entgegnete Lohmeier entgeistert. Schimmelpfennig blickte ernst. „Es sind 97 und die brauche ich selber!“ Damit war die Konversation für ihn beendet. Und die Frühstückspause allerdings auch.Was erlaubte sich der Kerl? Das bedeutete, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, sich bis zum Mittag in den Sanitären Einrichtungen aufzuhalten. Schimmelpfennig klemmte die Zeitung unter den Arm und machte sich auf den Weg. Auf dem Flur begegnete er dem Auszubildenden Kevin Querstich, dem Sohn des hiesigen Änderungsschneiders. „Nichts zu tun?“, forschte Schimmelpfennig. „Raucherpause!“, war die lapidare Antwort.

Diese Jugend von heute! Kein Pflichtgefühl! Keine Ehre mehr im Leib! Wo wäre Deutschland, wenn alle so eine Arbeitsmoral an den Tag legen würden? Schimmelpfennig schüttelte verärgert den Kopf und verschwand im Klo. Sorgfältig belegte er die Brille mit einigen Lagen Toilettenpapier und ließ sich nieder. Einige Meter rollte er auf und steckte sie sich in die Jackentasche, für zuhause. Eigentlich ging er aus Sparsamkeitsgründen nur im Büro aufs Klo, aber man musste gegen Notfälle gewappnet sein. Wie damals, als er den Eiersalat, der letztes Jahr Ostern abgelaufen war, doch noch gegessen hatte. Zu schade zum Wegschmeißen. Eigentlich hätten ihm Klär- und Wasserwerk ein Dankesschreiben schicken müssen, hatte er deren Umsatz in 48 Stunden mindestens verdoppelt.

In der Zeitung stand auch nur wieder Mist. Zum Glück musste er sie nicht bezahlen. Trotzdem studierte er aufmerksam die Angebote des Sparmarktes. Als Schimmelpfennig nach vollendeter Verrichtung wieder im Büro erschien, stellte er entsetzt fest, dass die Mittagspause angebrochen war. Und nichts Essbares zur Hand. Die geizige Kleinschmidt wachte ja über ihre Kekse wie eine Glucke über ihren Küken! Er überlegte angestrengt. Die Praktikantin Marilyn Hollatz war doch schon seit einer Woche krank. Und die hatte doch immer was zu essen im Kühlschrank. Geniale Idee. Fünf Minuten später kaute Schimmelpfennig genussvoll auf einem Salamibrötchen. Das war zwar etwas zäh und Schimmelpfennig hatte so seine Mühe – die Zähne – aber es war essbar und machte satt.

Der Nachmittag brach an und mit ihm die Langweile. Man könnte ja mal den Gummibaum gießen. Oder alle Akten, die nächste Woche aus Altersgründen geshreddert werden sollten, vorsichtshalber sorgfältig kopieren. Nein, das konnte die Praktikantin erledigen. Erst kurz vor Drei. Noch mal in die Zeitung schauen. Wirklich nur Mist, sogar das Wetter. Blieb wieder mal nur der Blick aus dem Fenster. Schimmelpfennig notierte in ein Heft, dass die beiden Bauarbeiter, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite im peitschenden Regen einen Kabelgraben aushuben, seit Acht schon zum dritten Mal Zigarettenpause machen. Schimmelpfennig glaubte zu erkennen, dass sie Glühwein aus einer Thermoskanne tranken. Oder gar Grog? Könnte natürlich auch bloß heißer Tee sein. Egal, er würde dem Bauamtsleiter eine gepfefferte Meldung schreiben. Das faule Pack konnte sich auf etwas gefasst machen.

Kurz vor Vier. Theoretisch noch eine Stunde harte Arbeit. Schimmelpfennig zählte exakt sieben Büroklammern ab und ließ sie in der Hosentasche verschwinden. Das machte er seit seinem ersten Arbeitstag 1979 so. Nach seiner Pensionierung würde er beim Schrotthändler ein hübsches Sümmchen dafür kassieren. Dann trug er in die Bestandsliste „Büroklammern“ sorgfältig das Datum und die Zahl 90 ein. Ordnung muss sein! Schimmelpfennig hörte, wie sich der Bürgermeister von seiner Sekretärin verabschiedete. Von ihm mal wieder nicht. Widerlich, dieser Emporkömmling!

Kurz vor Fünf. Alle Mitarbeiter verließen erschöpft ihre Büros und traten den Heimweg an. Schimmelpfennig atmete erleichtert auf und schaltete den Rechner aus. Wieder war ein harter Arbeitstag geschafft und zuhause wartete bereits eine Dose Aldi-Bier auf dem Fensterbrett. Wenn Winter war, stellte Schimmelpfennig alles, was kalt sein sollte, aufs Fensterbrett und den Kühlschrank ab.

Kurz nach Fünf. Er war allein. Also schrieb er sich bis Sieben zwei Überstunden, steckte noch einen Kugelschreiber, eine Flasche Stempelfarbe und das Stück Seife von der Damentoilette in die Manteltasche und radelte vergnügt nach Hause, der festen Überzeugung, als guter Staatsbeamter wieder einmal alles für sein Vaterland gegeben zu haben.

Schönen Feierabend, all ihr Büro-Lothars dieser Welt!

Neuentdeckung

Ich habe viele Jahre geforscht. Mein Ansinnen war es, der Menschheit ein Vermächtnis zu hinterlassen, ein Vermächtnis, dass die meisten Probleme der Zivilisation lösen kann.
Ich scheute weder Kosten noch Mühe, verbrachte einen Teil meines Lebens mit oft selbstzerstörerischen Eigenexperimenten, da ich Tierversuche aus nicht vorhandenen religiösen Gründen ablehne. Ich opferte mich sozusagen für den Fortschritt der Wissenschaft und den Erhalt der menschlichen Rasse auf unserem Planeten.

Schaut man sich die Morbiditätszahlen der zivilisierten Welt an, wird man schnell entdecken, dass nicht AIDS, Krebs oder Rücken den Menschen in erster Linie vom Arbeitsplatz fernhalten und ihm die Laune vermiesen, nein, es sind psychische Störungen.
Diverse Phobien und Psychosen wirken störend auf Selbst- und Arterhaltung ein und machen einem sein Dasein zur Hölle.
 
Bringt der Anblick eines leeren Platzes Ihre Seele in Angst?
Bekommen Sie beim Anblick einer attraktiven Frau Herzrasen, schweißnasse Hände und einen retrograden Penis?
Leiden Sie auch in perfekten Situationen unter vorzeitigem Samenerguss?
Sind die Weiber in Ihrer Abteilung zu fett/hässlich/frigide?
Sie zweifeln an den Wahlversprechen der Parteien?
Haben Sie Hemmungen, eine schöne Frau anzusprechen?
Sie haben nicht den Mumm, sich ein Nacktportrait von Justin Bieber auf die Brust tätowieren zu lassen?
Will sich abends oft trotz exzessiven Masturbierens der Schlaf nicht einstellen?
Für Russisch Roulette sind Sie zu feige?
Hören Sie auch Stimmen, wenn Sie allein sind und nicht telefonieren?
Sie finden die Heilige Mutter Gottes irgendwie erotisch?
Sie wollen unbedingt auch so tolle Schuhe wie der Papst?
Ihr Fiat Panda wird auf der Autobahn andauernd überholt?
Der Sinn der Kolumnen der BILD bleibt Ihnen oft verborgen?
Sie wollten immer schon mal Bungee ohne Seil springen, trauen sich aber nicht?
Wenn Sie in einer Kneipe von einem stämmigen Mann mit den Worten „Verpiss dich!“ angesprochen werden, rutscht Ihnen dann das Herz in die Hose?
Sie wollten dem nigerianischen Opiumhändler schon immer mal sagen, was er für ein Affe ist?
Sie leiden unter Depressionen, weil Ihr Fußballverein abgestiegen ist/Ihre Frau Ihnen den Beischlaf verweigert/dafür aber mit ihrem Fitnesstrainer rummacht/Ihre Vorsorgeuntersuchung den Verdacht auf Prostatakrebs erhärtet/Sie die Kohlrouladen haben anbrennen lassen/Ihr Goldhamster den akuten Katzentod starb?

Ich habe die Lösung für all Ihre Probleme!
Das Leiden hat ein Ende!

Ich entdeckte eine Substanz mit der molaren (nicht molekularen!)Masse von 46,07 g/mol und einer Dichte von sage und schreibe 0,79g/cm³.
Sie verfügt über den traumhaften Brechungsindex von 1,3633 und kann sich einer Oberflächenspannung von 0,02255N/m rühmen.
Ihr Schmelzpunkt liegt bei -114°C, bei Raumtemperatur muss man also nicht kauen.
Flüssig ist die am geeignetste Applikationsform, Zäpfchen und intravenöse Verabreichungen haben sich nicht bewährt.
Schon geringe Mengen wie etwa 200 ml befreien Sie von allen Sorgen und Nöten. Vom unverdünnten Genuss ist allerdings abzuraten.

Prost!

Yvonne

Montagmorgen 8.00 Uhr in einer 2-Zimmerwohnung im Ruhrgebiet. Kein Wecker klingelt. Deshalb denkt Yvonne auch noch lange nicht ans Aufstehen. Und daran wird sich bis 13.00 Uhr auch nichts ändern. Erst wenn andere Leute schon seit gut 5 Stunden auf Arbeit sind, hievt Yvonne sich und ihr dickes Hinterteil gähnend aus dem Bett und macht sich als erstes eine Schüssel Müsli. Jedenfalls würde sie das jetzt gerne tun, aber im Schrank ist keine saubere Schüssel mehr zu finden. Fast ihr komplettes IKEA-Geschirrsortiment liegt mit angetrockneten Essensresten im Waschbecken, neben dem Bett oder auf der Couch vor dem Fernseher. „Na toll!“, denkt Yvonne, „So fängt die Woche ja schon gut an, die Bude total verdreckt, nicht mal Frühstücken kann man, das ist doch menschenunwürdig…und der Vermieter? Der kümmert sich einen Dreck.“

Aber der Hunger will gestillt werden. Zum Glück ist der Dönerladen nicht weit. Auf geht’s.

Während Yvonne gemütlich ihren Döner mit extra viel scharf isst, kommt ihr eine grandiose Idee, wie sie ihr Leben um ein Vielfaches erleichtern könnte. In großer Vorfreude schlingt sie den Döner herunter und geht zurück in die Wohnung. Na ja, sie fährt. Schließlich hat der Wohnblock einen Fahrstuhl, den man auch nutzen darf, wenn man im ersten Stock wohnt!

Zukunftsorientiert sammelt sie alle Teller, Schüsseln, Tassen und auch Besteck, egal, ob noch sauber oder schon benutzt, wobei der benutze Anteil deutlich überwiegt, in eine große Mülltüte. Ursprünglich wollte sie die Mülltüte dann in ihren Mülleimer werfen, doch leider quillt dieser schon mehr als über. Extra den weiten Weg bis runter zur Mülltonne? Nee danke, man ist doch kein Ausdauerläufer. Es geht auch entspannter: Fenster auf, Müll raus, Fenster zu, fertig. Soll der Hausmeister den Dreck doch wegräumen, schließlich wird er dafür bezahlt. Triumphierend greift Yvonne sich ihr Portemonnaie und die Einkaufstüte. Kurz spielt sie noch mit dem Gedanken, ihre nutellabefleckte Jogginghose gegen eine Jeans auszutauschen, aber die sind alle seit Wochen in der Wäsche. Also was soll’s, ab zum Penny-Markt, und zwar locker in Jogger.

Dort verwirklicht Yvonne ihre neue Zukunft: sie kauft ein 500teiliges Set Plastikgeschirr inklusive Besteck und Papptellern. Erst jetzt werden ihr die Vorteile im vollen Ausmaß bewusst. Nie wieder abwaschen, nie wieder kein sauberes Geschirr, nie wieder Lippenstift an Glasrändern. Dann klappt’s sicher auch mit dem Nachbarn. Taliban sollen ja füllige Frauen lieben. So lässt es sich leben. Schließlich muss sie sehen wo sie bleibt, als Hartz-4-Empfängerin hat sie einen 24-Stunden-Job! Da bleibt nicht viel Zeit für Nebensächlichkeiten wie Abwaschen oder ähnlichen unnützen Dreck. So, jetzt aber schnell zur Kasse und bezahlen, denn in 25 Minuten fängt ihr Doku-Soap-Nachmittag an. Unentschuldigt eine Serie zu verpassen ist so, als würde ein Arzt morgens nicht in die Praxis gehen und die Patienten einfach warten lassen. Aber dazu kommt es nicht. Pünktlich ist sie wieder in ihrer Wohnung und kann sich gemütlich auf die Couch legen und die Seele baumeln lassen. Ihren Fernseher muss sie nicht einschalten, der ist nämlich noch an. Sie schaltet ihn grundsätzlich nie aus. Davon nutzen die Tasten der Fernbedienung nur ab. Man ist eben sparsam.

Nun kann sie sorglos bei Chips und Tetrapackrotwein solange Fernsehen, bis sie irgendwann müde wird und dann erschöpft einschläft. Das Leben ist hart und stressig, aber als Überlebenskünstlerin hat sie gelernt, es sich leichter zu machen. Morgen, beim Frühstück mit ihrem neuen Geschirr, wird sie versuchen, sich wieder eine neue Idee auszudenken, um ihr Leben noch weiter zu vereinfachen. Vielleicht sollte sie einfach mal den Vermieter auf Schmerzensgeld verklagen, wegen dieser vermüllten Wohnung!? Das Ordnungsamt stünde da sicher hinter ihr. Aber na ja, darüber kann sie sich morgen Gedanken machen, also ist das noch Zukunftsmusik. Außerdem ist Gedankenmachen eh für´n Arsch …

Endlich Feierabend

So, Fernseher an und Zeitung her! Man muss ja auf dem Laufenden bleiben. Was steht da? Die Pollacken schmelzen ab? Moment! Die Lesebrille!

Ach, die Polkappen schmelzen ab. Na, das wäre ja prima, wenn es wärmer wird, braucht man nicht mehr so viel zu heizen, das senkt den Kohlendioxidausstoß und es, ne, das ist ja auch Mist, dann würde es ja wieder kälter werden und man müsste mehr heizen. Man kann es drehen und wenden, wie man will, Schuld hat immer die Regierung und die Opposition hat Recht. Genau wie bei Hartz IV. Was schreibt die Zeitung darüber? Da will die Regierung nur eine Packung Marlboro pro Monat fürs Nichtstun rausrücken. Die Nichtraucher sind angeschmiert. Die Opposition ist empört! Unmenschlich, die sollen wenigstens noch einen Kasten Oettinger draufpacken. Dafür bekommen aber die Kinder Gutscheine, mit denen sie auch mal zu Hause ein Buch lesen oder Galileo Mystery gucken dürfen. Immerhin!

Ach ja, der Fernseher läuft ja auch.

Dieter Bohlen sucht mal wieder Supertalente, wie spannend. Das kulturell überaus wertvolle Spektakel beginnt mit dem Zünden einer rektal eingeführten Rakete im Hintern eines Nackten, der, vom Feuerschweif getrieben, über die Bühne hoppelt. Das Publikum johlt, klatscht und freut sich. Schon irre, oder? Danach im Werbeblock Wissenswertes über Hämorrhoidensalbe und dreilagiges Toilettenpapier. Zeit, aufs Klo zu gehen, Bier ist auch alle.

So, wieder da. Gerade noch mitbekommen, dass das nächtliche Ins-Bett-Kriechen von Stromkabeln durch die Einnahme von Magnesiumtabletten verhindert werden kann. Gut zu wissen.

Die Show geht weiter! Was zum Teufel ist das? Da kommt eine Frau mit wasserballgroßen Brüsten und zertrümmert damit Melonen! Die kann mehr als Brot essen! Das Publikum tobt, Dieter darf mal anfassen. Wer denkt, das sei nicht mehr zu überbieten, irrt. Denn nun kommt ein nackter Engländer, der malt mit seinem Pullermatz Bilder! Da war ja Rembrandt ein Scheißdreck dagegen! Dies hier ist nun in der Tat ganz große Kunst. Und einen farbverschmierten englischen Pimmel bekommen Millionen Fernsehzuschauer auch noch zu sehen. Wenn das nichts ist!

Oder hier in der Zeitung. Guido Westerwelle hat einen Mann geheiratet. Einen Mann? Der wird doch am Ende nicht schwul sein? Sachen gibt´s.

Ah, noch eine Sondermeldung! Der britische Hersteller des elektronischen Stehrollers Segway ist mit einem seiner futuristischen Scooter tödlich verunglückt. Ich wusste gar nicht, dass es elektrische Kinderroller für Erwachsene gibt? Na, durch diese Schlagzeile weiß ich das nun. Aber ich finde, der gute Mr. Segway hat mit diesem PR-Gag etwas übertrieben.

Mal sehen, was da noch so steht. Da! Merkel lüftet ihre letzten Ostgeheimnisse! Sie isst gerne Schaschlik, Soljanka und sie hamstert! Ja, sie hamstert gern. Weiß doch jeder! Man sieht auch, wo.

In ihren Hamsterbacken. Und Kaffee trinkt sie am liebsten türkisch. Da soll noch mal einer sagen, sie tut nichts für die Migranten.

Was, die katholische Kirche will ihren sexuellen Missbrauchsopfern kein Schmerzensgeld bezahlen? Verständlich, der Schaden ist so groß, der lässt sich mit Geld nicht mehr gut machen. Dafür bieten die Bischöfe aber Gespräche an. Wenn das nichts ist.

Wie gut, dass es Fernsehen und Zeitungen gibt. Wo sollte man sonst Kultur und Bildung bekommen? Ich geh dann mal zu Bett. Gute Nacht!

Doofheit

Die Doofheit, lat. Cerebrofunktionalia imperfekta, ist eine Erkrankung des menschlichen Hirns. Sie kann viele Ursachen haben. Am häufigsten wird die Doofheit durch äußere Faktoren ausgelöst. In Frage kommen übermäßiger Konsum von Talkshows, Bildungsdesinteresse, Playstationbesitz und Benutzung der BILD-Zeitung.

Doofheit kann aber auch angeboren sein. Begünstigend wirkt dabei der Genuss von einer Flasche Wodka pro Tag durch die schwangere zukünftige Kindsmutter. Dieses konnte in einem Feldversuch in einem Plattenbaublock in Berlin-Marzahn bewiesen werden. Dann kommt das Kind schon richtig doof zur Welt und heißt Kevin, Cindy oder Finn. Wenn es dann nichts dazu lernt, wird die Sache ernst.

Bereits im frühen Schulalter getätigte Äußerungen wie „Wat geht mir Erdkunde an?“ oder „Ick brauch keine Schule, ick werd Hartz4!“ sollten die Alarmglocken schlagen lassen.

In frühen Stadien lässt sich die Doofheit zwar auch schon nicht mehr komplett heilen, aber durch Bildung und leichte Klapse auf den Hinterkopf noch deutlich mildern. Sitzt der erwachsene Doofheitspatient erst mal aldibiertrinkend in Unterhosen zwölf Stunden am Tag vor dem Fernseher, beendet nur ein Schlag mit einem Zehnpfundhammer das Elend. Diese Therapieform ist in Deutschland allerdings umstritten.

Für den behandelnden Arzt ist die Diagnosestellung oft nicht einfach. Hier ein paar Merkmale. Fliehende Stirn, die Kombination rotblonde Haare und immerzu „ÄH, ÄH“ sagen deuten auf ein fortgeschrittenes Stadium der Erkrankung hin. Diese Patienten sind leichtgläubig und lassen sich von der Werbung im Fernsehen prima beeinflussen. Sehr beliebt sind sie auch von den Parteien, besonders vor Wahlen.

Betroffene benutzen zumeist den Dativ, wobei es regionale Unterschiede gibt. Während man in Bayern oft „Wo ist meine Mooß, die wo do gestonden ist?“ hört, wird anderenorts hin und wieder „Mach ma dem icq an“, „Schantalle, nu mach dat Mäh ma ei und geh von die Omma wech“, „Weischt?“, „Ick und lesen? Ick bin doch nich bescheuert“ oder „Allet wegen dem bekloppten Amerika“ vernehmen.

Doofe trifft man in vielen Berufsgruppen, wobei der Betroffene durchaus erfolgreich sein kann, insbesondere in der Politik. Honecker hat es als arbeitsscheuer Dachdecker sogar zum Staatsoberhaupt gebracht, obwohl er einen schweren Sprachfehler hatte und nicht mal „Sozialistisch“ aussprechen konnte. Dafür war er im Küssen Spitze. Auch Profisportler befinden sich zuhauf unter den Doofen. Bei letzteren sind es oft die Unterarten „zu doof, um sich nicht beim Dopen erwischen zu lassen“, „zu doof, um ein anständiges Interview zu geben und „zu doof, die Abseitsregel zu verstehen“. Eine wissenschaftliche Studie ergab, dass 37% aller Bundesligastürmer den Unterschied zwischen Abseits und Abszess nicht kennen und den Schiedsrichter für einen Staatsanwalt halten.

Doofe finden sich gerne in Gruppen zusammen und tarnen sich dann unter Decknamen wie Fanclub oder Selbsthilfegruppe. Gerne wird am McDonaldvielesserprogramm teilgenommen und ausschließlich Jogginganzug getragen. In der Politik bringen Doofe es selten zu was, da sie zu doof zum Lügen sind. Ausnahmen bestätigen die Regel, siehe oben. Hierbei ist es wichtig, Doofheit nicht mit anderen psychischen Störungen wie Zwangsneurosen zu verwechseln.

Der Körpergeruch eines Doofen ist oft streng und er vermag es nicht, leise zu sprechen. Oft hat er schlechte Zähne und ist im Schritt wundgelaufen. Die Vermehrungsrate liegt allerdings deutlich über dem Durchschnitt der normalen Bevölkerung.

Insgesamt greift die Erkrankung Doofheit immer mehr um sich und trägt durch vermehrtes Ablassen von Darmgasen in öffentlichen Verkehrsmitteln maßgeblich zur globalen Erwärmung bei.

Und das ist ganz schön doof.

Wandel

Brief aus dem Ferienlager 1970

Liebe Eltern, nun will ich euch schreiben.

Wir sind gut am Kummerower See angekommen. Die Zugfahrt war lustig, beim Umsteigen haben wir uns Waldmeisterlimonade gekauft am Kiosk. Unsere Betreuerin ist richtig nett und hat uns beim Aufbauen der Zelte geholfen. Gestern haben wir ein Geländespiel gemacht und abends Lagerfeuer! Das Essen ist gut, morgens gibt es Marmeladenbrötchen und jeden zweiten Tag mein Lieblingsessen, Nudeln mit Tomatensoße. Von den zehn Mark Taschengeld sind noch fast sieben übrig, die spare ich für Muttis Geburtstagsgeschenk.

Nun möchte ich schließen.

Bis nächste Woche.

Liebe Grüße! Euer Torsten.

P.S. Uwe hat heimlich auf dem Klo geraucht!

Brief aus dem Ferienlager 2010

Hi, ich muss euch ja schreiben, weil ihr zu blöd für SMS seid. Die Anreise war zum Kotzen. Unsere Betreuerin hat zwar geile Möpse, aber die blöde Kuh hat uns gleich die Alcopops weggenommen. Ich glaube, sie poppt mit dem Sportlehrer der Parallelklasse. Ich bin hier fast die ganze Zeit am simsen und telefonieren. Unsere Bungalows sind total megakacke, nich mal TV.

Cool is nur, dass uns der Hausmeister mit Bier versorgt, weil Chantalle ihm jeden Tag dafür ihre Titten zeigt. Find ich echt stark von ihr. Der Fraß hier is ungenießbar, nich mal Burger oder Pommes. Ich weiß nicht, ob ich die acht Tage hier ohne Inet mit Gulasch und Erbseneintopp überleben kann oder ob ich vorher abnippel. Dope is alle. Die beschissenen 200 Euro, die ihr mir mitgegeben habt, auch fast. Gingen für Gummis und Tequila drauf. Okay, einmal wollten wir auch in den Puff, aber da haben die uns nur zum Saufen reingelassen, für die Nutten waren wir noch zu jung, meinten die.

Zum Glück hab ich noch die 100 von Oma. Und gut, dass Chantalle und Jacky bloß nen Fünfer nehmen. Noch was, schönen Dank auch, dass ihr Vollhonks das Ladegerät von meinem iPhone nich mit eingepackt habt. Nu muss ich jeden Abend Tokio Hotel und Rihanna hören, klasse. Da kommt kein groove auf. Nicht mal Koks gibt es hier. Chantalle würde den Hausmeister ja auch ganz ranlassen, aber der sagt, das wäre ihm zu heiß. Klappspaten, der.

In ner guten Woche habt ihr mich wieder an der Backe. Bis denne.

Kevin

Weihnachten, erster Teil (oder wie Jochen einen Weihnachtsbaum besorgt)

Jochen war doch nicht so dämlich, 30 Euro für einen profanen Tannenbaum auszugeben. Bereits Ende Juli hatte er sich im Stadtpark eine stattliche Edeltanne ausgeguckt. Am 22. Dezember war es soweit. Mit Pudelmütze und Fuchsschwanz bewaffnet setzte er sich in seinen Fiat Panda und den in Bewegung.

Ein Glück, dass es im Winter schon nachmittags dunkel wird, dachte er. Das Auto parkte er am Parkrand. Was bin ich doch für ein gerissener Parkrandparker, dachte er und lächelte verschmitzt.

Vorsichtig pirschte er sich an seine botanische Beute. Um sein Kreuz zu schonen, setzte er die Säge in Bauchnabelhöhe an. Ein wenig Kreuz war ja ganz gut, da hatte er wenigstens eine Ausrede, falls Hilde mal wieder auf dumme Gedanken kam, aber übertreiben sollte man es auch nicht. Ritschratschritschratschritsch … (Hier beschließt der Autor eigenmächtig, nicht den gesamten Sägevorgang schriftlich darzustellen, der Fantasie des Lesers sei Freiraum gewährt).

Baum fällt! Sekunden später fiel noch etwas. Und zwar das Wort: „He!“ Die Person, die das Wort hatte fallengelassen, war unglücklicherweise der Förster, der sich gewundert hatte, dass kurz vor Weihnachten ein Auto an dem ihm anvertrauten Park stand. So war er den nicht zu übersehenden Fußspuren von Jochens Filzstiefeln, Größe 46, Marke „Stalingrad“ gefolgt. Bald drang ein „Ritschratsch… (usw., s.o.) an sein geschultes Ohr. Was er dann erblickte, entsprach exakt dem, was er sich vorgestellt hatte.

„Haben Sie eben da diese Edeltanne abgesägt?“, wollte er von Jochen wissen. In Ermangelung von Vorhandensein weiterer Personen mit Fuchsschwanz in der Hand nickte Jochen. „Das ist strengstens verboten!“ „Warum? Ist doch auch nichts anderes als Pilze zu sammeln!“ „Doch, Pilze sind keine Bäume!“

„Ach, haben der Herr Biologie studiert? Noch nichts von Birkenpilzen gehört? Und Birken sind ja wohl Bäume, oder?“ Wo Jochen Recht hatte, da hatte er Recht.
„Aber diese Edeltanne ist kein Pilz!“
„Dann ist sie eben von Pilz befallen!“
„Ist sie nicht, ich werde Sie anzeigen!“
„Na gut, dann stelle ich den Baum eben wieder hin!“

Geschickt machte er dem Förster klar, dass die Tanne im Frühjahr wieder anwachsen und austreiben würde. Um diesen Sachverhalt zu verdeutlichen, wechselten 100 Euro und ein kräftiger Schluck aus Jochens Flachmann den Besitzer. Der Förster versprach, noch mal ein Auge zuzudrücken. Allerdings bestand er darauf, das frühjährliche Wurzelschlagen der abgesägten Tanne selber zu beaufsichtigen und nahm zu diesem Zwecke den Baum mit nach Hause, um ihn zu pflegen. Das fand Jochen richtig nett.

Doch nun hatte er zwei Probleme. Keinen Weihnachtsbaum und kein Geld, um Hilde ein Geschenk zu kaufen. Schlimm, aber es kam schlimmer. Doch dazu mehr in Teil zwei.

 

Weihnachten, zweiter Teil (oder wie Jochen ein Weihnachtsgeschenk kauft)

Die Sache mit dem Tannenbaum hatte sich ja nun erledigt. Soll Hilde ihr aus Silberpapier selbst gebasteltes Lametta doch passend zur globalen Erwärmung an den Gummibaum hängen! Aber ein Geschenk musste her, koste es, was es wolle. Mit diesem Gedanken war Jochen allerdings etwas voreilig. Wieder im Auto, prüfte er Bargeld und Uhrzeit. 36,45 Euro und 19.20 Uhr. Beides genug für einen Einkaufsbummel. Er überlegte krampfhaft, womit er Hilde wohl beglücken könnte. Eine Flasche Jägermeister? Nein, das fiele ja auf. Verdammt, was schenken denn Männer ihren Frauen für gewöhnlich?

Hilde hatte es da einfacher. Jochen bekam immer ein Paar Socken, eine Flasche Pitralon und irgendeinen Schnaps, der bei Aldi gerade im Angebot war. Letztes Jahr war es ein Mandellikör, an dem Jochen fast bis Ostern zu kauen hatte. Da hatte er die zündende Idee! Irgendwas mit Schlüpfer und so! Hatte er doch letztens beim Zahnarzt, als er im Wartezimmer auf seine Prothese wartete, eine Playboyausgabe von 1987 gelesen. Gut, gelesen ist zuviel gesagt, er hatte darin herumgeblättert. Und da waren Frauen, bei deren Anblick er seine Prothese völlig vergaß. Ob Hilde so was auch stehen würde? Apropos stehen, gut, dass er gerade saß.

Er wusste, da gab es einen Laden in der Innenstadt, vor dessen Schaufenster Jochen schon ein paar Mal einen Wadenkrampf vorgetäuscht hatte. Wie hieß der noch gleich? Irgendwas mit Beate jedenfalls. Nichts wie hin da.Fünf Minuten später stand Jochen, mit schwitzigen Händen seine Pudelmütze knetend, in genau diesem Geschäft. Eine Verkäuferin fragte ihn:

„Kann ich Ihnen helfen?“
„Äh, ja, ich brauch da was für meine Frau.“
Die Verkäuferin taxierte Jochen mit geübtem Blick.
„Sicher einen Vibrator!“
„Einen was? Ach so, nein, nein, so eine ist die Hilde nicht, ich dachte eher an was anzuziehen.“
„Dessous vielleicht? Oder was mit Latex?“
„Latex? Verkaufen Sie auch Wandfarben?“
„Nein, Sachen aus Latex, Gummi eben.“
„Ne, mit der Blase hat sie es nicht.“
„Ich glaub, so wird das nichts. Ich zeige Ihnen mal ein paar Sachen. Welche Körbchengröße hat Ihre Frau?“
„48.“
„Was? Wie kommen Sie denn darauf?“
„Hab ich mal mit einem Hut gemessen.“

Glucksendes Gelächter. Eine zweite Verkäuferin hatte sich interessiert hinzu gesellt. Zum Glück waren keine anderen Kunden im Geschäft.

„Ich meine, wie groß ist denn der Busen Ihrer Gattin?“

Jochens Blicke wanderten zwischen den beiden Verkäuferinnen hin und her. Er verzog abschätzend den Mund.

„Na, ungefähr doppelt so groß wie Ihre beiden zusammen, also auf jeder Seite.“
„Oh, Übergrößen führen wir nicht, das tut mir leid.“
„Haben Sie nichts, wo die Größe egal ist?“ Hatte sie.

Nach weiteren fünf Minuten und 35 Euro ärmer saß Jochen wieder in seinem Fiat. Auf dem Beifahrersitz lag, hübsch in Geschenkpapier verpackt, ein pinkfarbener Vibrator.
„Mit Geh-Punkt-Fainder!“, hatte die Verkäuferin noch gesagt. Jochen wusste weder, was ein Geh-Punkt noch was ein Fainder ist. Wenn man bloß Hilde zufrieden war! Nun noch schnell die Gans und eine Kiste Öttinger aus dem Supermarkt holen, ein paar Kartons Glühwein, und dann aber ab nach Hause. Das mit dem fehlenden Weihnachtsbaum würde er Hilde schon beibringen.

An der Kasse durchzuckte es Jochen glühend heiß. Er besaß noch genau einen Euro und 45 Cent! Aber er hatte eine Kreditkarte. Der Haken war bloß, dass er noch nie im Leben mit einer Kreditkarte bezahlt hatte. Doch die gute Frau an der Kasse konnte helfen.

„Sie brauchen hier keine Geheimzahl, bloß unterschreiben. Außerdem kenne ich Sie doch, Sie sind doch der Herr Schmidt, der zusammen mit meinem Mann bei den Anonymen Alkoholikern ist, nicht?“

Obwohl Jochen auf den schönen Nachnamen Pätzold hörte und er Bekennender Alkoholiker war, nickte er. Er packte alles zusammen, wuchtete den Bierkasten in den Kofferraum und machte sich auf den Heimweg. Schlimmer kann es ja nun nicht mehr kommen, dachte er.

Aber es kam schlimmer.

 

Weihnachten, dritter Teil (oder wie es erst ganz schlimm und dann wieder gut wurde)

Zu Hause angekommen, versteckte Jochen das Geschenk für Hilde in der Garage. Die Gans bekam ihren Platz in der Kühltruhe. Als er in die Küche kam, war Hilde am Plätzchenbacken.
„Wo ist der Weihnachtsbaum?“, fragte sie.
„Äh, welcher Weihnachtsbaum?“
„Welcher? Den du besorgen solltest.“ Hildes Tonfall nahm eine beunruhigende Färbung an.
„Hoffentlich hast du nicht wieder so eine Krüppelkiefer wie im letzten Jahr besorgt. Steht er in der Garage?“ Jochen räusperte sich.
„Ne, Hilde, da steht er nicht. Die Dinger waren schon ausverkauft.“
„Waas?? Bist du zu blöd, einen Tannenbaum zu kaufen?“

Oh, du fröhliche …

Jochen versuchte zu deeskalieren. „Guck mal, Hilde, wenn sie doch nun aber alle verkauft waren. Können wir nicht den Gummibaum …?“
„Gummibaum? Du hast sie wohl nicht mehr alle! Was sollen denn Onkel Alfred, Tante Inge, unser Enkelsohn und meine Mutter sagen, wenn wir Heiligabend um einen Gummibaum sitzen und „Stille Nacht“ singen?“

Jochen zuckte zusammen. Alfred, das ging ja noch. Selbst Inge mit ihrem gottlosen Maulwerk war nach ein paar Liter Bier plus Doppelkorn zu ertragen. Aber dieser impertinente Bengel und dann auch noch seine Schwiegermutter? Lieber Gott, lass Neujahr werden, am besten gleich. Hilde redete ununterbrochen. Was, das entging Jochen. Was ihm nicht entging, war ein brenniger Geruch. „Hilde, willst du nicht mal nach den Plätzchen …?“
„Die Plätzchen! Jetzt hast du Affe auch noch die Plätzchen anbrennen lassen!“ Hilde war außer sich.
„Wieso ich, du backst doch“, versuchte Jochen vorsichtig dagegen zu halten.
„Du hast mich abgelenkt, weil du zu dämlich bist, einen Christbaum zu besorgen!“

Wortlos öffnete Jochen das Fenster und eine Flasche Bier, während Hilde die verkohlten Plätzchen in den Mülleimer schüttete. Zum Glück lief Sport im Fernsehen und Hilde hatte in der Küche zu tun.

„Und wo ist die Weihnachtsgans?“, rief sie ihm noch nach. „Die hast du blöder Hund bestimmt auch vergessen!“
„Nein, ich blöder Hund hab sie in die Gefriertruhe gelegt.“ Jochen resignierte.
„Dann denk gefälligst daran, sie morgen zum Auftauen heraus zu legen!“
„Ja.“

Endlich Ruhe. Bier. Sport. Als er später zu Bett ging, schlief Hilde schon. Welch Segen. Der 23.Dezember, Ruhe vor dem Sturm. Das traditionelle Christbaumschmücken war nur insoweit traditionell, als dass Jochen dabei ein paar Schlucke aus der Doppelkornflasche nahm, um den Biergeschmack zu verdrängen. Er fand, dass sich die bunten Glaskugeln und der Weihnachtsengel mit dem abgebrochenen Flügel am Gummibaum ausnehmend gut machten. Sogar Hilde war einigermaßen zufrieden, nachdem ihr Jochen etwas von „karibischem Flair“ erzählt hatte. Der Tag verlief harmonisch und ohne weitere nennenswerte Ereignisse, wenn man von der Tatsache absah, dass Jochen dreimal „blöder Hund“, zweimal „alter Trottel“ und einmal „dämlicher Quatschkopp“ genannt wurde.

Heiligabend konnte kommen.

Am 24. Dezember wollte Hilde mit der Zubereitung der Weihnachtsgans beginnen.

„Hast du die gestern rausgelegt?“, wollte sie von Jochen wissen. Verdammt, hatte er nicht. Hildes Laune sackte in den Keller.

„Ja, und was soll ich denn nun machen?“
„Können wir sie nicht vielleicht mit dem Föhn auftauen?“, schlug Jochen vor.
„Vollidiot!“ Den hatten wir heut noch nicht, bemerkte Jochen für sich.
„Dann legst du sie eben gefroren in den Ofen und lässt sie eine Stunde länger drin.“

Das klang selbst für Hilde logisch. „So eine Idee hätte ich dir altem Esel gar nicht zugetraut.“

Unter Zuhilfenahme von warmem Wasser wurde der Vogel polnischer Herkunft aus seiner Plastikfolie gepellt, mit Salz und Beifuß eingerieben und samt Gänsebräter in die Backröhre geschoben. „Um 13.00 Uhr kommt unser Besuch, bis dahin muss das fertig sein. Los, hol Kartoffeln, ich will Klöße machen! Und sitz da nicht so faul rum! Und hör auf, schon morgens Bier zu saufen!“ Jochen hörte auf mit Saufen und Sitzen und ging in die Garage, Kartoffeln holen. Hilde amüsierte sich derweil bei Volksmusik mit irgendeinem schwulen Trompeter, der Herd war auf 220°C gestellt. Eigentlich konnte nichts schief gehen. Aber wie gesagt, es kam schlimmer.

Um 12.30 Uhr stellte Hilde fachmännisch fest, dass die Gans äußerlich eine appetitlich braune Farbe angenommen hatte und somit zum Verzehr bereit war. Sie stellte den Herd auf 100°C und deckte den Tisch. Punkt 13.00 Uhr klingelte es. Die bucklige Verwandtschaft. Großes Hallo mit Onkel Alfred, ein kurzes „Tach“ zu Inge und eisiges Schweigen zu seiner Schwiegermutter. Das heißt, das Schweigen war einseitig, sie begrüßte ihn mit „Musst du alter Suffkopp schon morgens Bier trinken?“ Dem Enkel Kevin war das egal, Bier am Morgen ist doch cool. „Wann is Bescherung?“ war seine Begrüßungsformel.

„Nach dem Essen!“
„Dann erst? Wie uncool!“
Hilde servierte. „Jochen, du tranchierst die Gans!“
„Was soll ich?“
„Na, die Gans zerlegen!“
„Ja, dann sag das doch.“

Jochen Machte sich an die Arbeit. Die knusprige Haut ließ sich leicht durchtrennen, aber was dann kam, überraschte ihn etwas. Nach einem Zentimeter wurde die ganze Sache leicht blutig und zunehmend härter. Jochen drückte stärker auf. Was war das? Er zupfte mit spitzen Fingern eine halb gefrorene Plastiktüte mit des weiland Gänschens Magen, Herz und Leber hervor.

Seine Schwiegermutter stieß einen gellenden Schrei aus. „Daran ist nur Jochen schuld!“, verkündete Hilde. Ihre Mutter pflichtete ihr sofort bei. „Was willst du denn von diesem versoffenen Subjekt auch erwarten. Ich hab dir ja immer gesagt, heirate den Karl aus dem Nachbaraufgang, der ist jetzt leitender Buchhalter und nicht so ein Versager wie der da!“ Wütend zeigte sie mit ihrer Gabel auf Jochen.

„So, das Essen is gelaufen, denn machen wir nu Bescherung!“, ordnete Enkel Kevin an. „Wir können doch nicht einfach so ohne Gans …“, warf Jochens Schwiegermutter ein. Jetzt hatte Jochen genug. „Doch, können wir. Schlingst du eben ein paar Klöße mehr herunter, fett genug bist du ohnehin!“ Schwiegermutters Mund formte ein lautloses „O“.
„Bescherung!“, forderte Kevin.

Kevin sahnte ab. 100 Euro von Uroma, 100 Euro von Alfred und Inge, 100 Euro von Jochen und Hilde. „Was, kein iPhone?“ Kevin war entrüstet. „Erst nix zu essen, dann bloß Knete, hier habt ihr eure Geschenke, ich hau ab zu paar Kumpels!“ Lustlos warf er einen Beutel unter den Gummibaum und verzog sich.

Wenigstens bei den Geschenken für seine lieben Anverwandten hatte sich Kevin Mühe gegeben. Eine Tube Haftcreme, fast hätte er aus Versehen Gleitcreme gekauft, für Uroma, eine Flasche Kölnisch Wasser für Hilde, eine Blumenvase mit leichten Gebrauchsspuren für Inge und jeweils ein T-Shirt mit dem modischen Aufdruck „Fuck you“ für Jochen und Alfred.

Die beiden Letztgenannten tauschten wie jedes Jahr zwei Flaschen Cognac aus, Inge bekam eine Tischdecke, damit war die Bescherung eigentlich beendet. Blieben nur noch Jochen und Hilde selber übrig. Für Jochen war die Sache ganz einfach, der geneigte Leser wird sich an Teil Eins erinnern. Aber wie sollte er nun vor versammelter Mannschaft Hilde den Vibrator überreichen? Jochen war ratlos. Hilde sah ihn erwartungsvoll an.

„Nun sag nicht, du hast mein Weihnachtsgeschenk vergessen?“
„Nein, Hilde, hab ich nicht. Aber die Sache ist die …“
„Her damit!“
„Hilde …!“ Jochen reckte hilfesuchend die Arme gen Zimmerdecke.
Her damit!!“

Jochen musste tun, was er nicht hätte tun sollen. Er ging in die Garage und holte Hildes Geschenk.

„Nanu?“ Vorsichtig packte Hilde das Gerät aus dem Papier. Alfred und Inge prusteten los, Schwiegermutter schaute verstört. „Und was ist das?“, wollte sie wissen. Hilde hatte einen hochroten Kopf. Jochen erklärte: „Äh, das ist, das ist, ja, hochmoderne Deko-Art aus Fernost, sozusagen ein Designermilchaufschäumer. Allerletzter Schrei!“ Schwiegermutter blickte etwas ungläubig, sagte aber dann:

„Aha, ne, was es nicht alles so gibt heutzutage. Ich hätte das glatt für einen Vibrator mit G-Punktfinder gehalten!“

So war der Heilige Abend gerettet. Bier und Schnaps reichten gerade so, alle waren fröhlich. Der Kartoffelsalat zum Abendbrot bekam allen. Es herrschte Harmonie. Hiermit ist meine Weihnachtsgeschichte zu Ende. Abschließend will ich nur noch kurz erwähnen, dass Hilde die nächsten drei Tage angeblich mit Hexenschuss im Bett blieb und Jochen auf der Couch im Wohnzimmer schlafen musste, wegen Schnarchen. Es war für beide das schönste Weihnachtsfest ihres Lebens.

 

Karneval

In einer süddeutschen Kleinstadt, dessen Namen aus Pietätsgründen nicht erwähnt werden soll, ist es wieder soweit! Karneval!

Bereits nachmittags trudeln die ersten Karnevalisten im Festsaal ein.

Im Polizeibericht wird später stehen: „Gegen 16.00 Uhr betrat eine Gruppe stark alkoholisierter Personen den Festsaal. Es handelte sich um einen Vampir, fünf Cowboys, den Papst, Häuptling „Gespaltene Eichel“, einen Clown, einen Kapitän, drei sittenwidrig gekleidete Krankenschwestern und einen offensichtlich geisteskranken Transvestiten.“ Letzterer wird später aus dem Bericht gestrichen, da es sich, wie sich herausstellte, um den Bürgermeister handelt.

Langsam füllt sich der Saal. Die Kapelle bezieht Position, ein Tusch jagt den anderen. Einmarsch des Elferrates, der Prinz an der Spitze. Sein Kostüm erinnert etwas an einen homosexuellen Rokokofürsten, nur in ganz bunt.

Nun die Funkengarde. Die Kapelle legt sich ins Zeug. Beine wirbeln in die Höhe. Funkenmariechen Chantalle durchfährt es siedendheiß, als sie einen kühlen Luftzug verspürt. Mist, Schlüpfer vergessen! Dass dieser Umstand später dazu führt, dass sie erstens Miss Karneval und zweitens ein klein wenig schwanger wird, kommt ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den Sinn. Der Elferrat nimmt Platz, der bunte Rokokofürst rückt seine Zipfelmütze zurecht und beginnt seine Eröffnungsrede. Das Publikum johlt, der Alkohol fließt in Strömen.

Die Selbsthilfegruppe „Bekennende Alkoholiker“ stellt demjenigen, der es schafft, einen Dreiviertelliter Doppelkorn auf ex auszutrinken, als Preis einen Dreiviertelliter Doppelkorn in Aussicht. In den ersten Reihen werden vereinzelt Rufe nach einem Soloauftritt des Funkenmariechens Chantalle laut. Daraus wird aber nichts, sie ist mit dem Papst auf der Damentoilette verschwunden. Zwei Cowboys, ein Lokomotivführer, eine sittenwidrig gekleidete Krankenschwester und ein Franziskanermönch stehen Schmiere. Oder Schlange, das weiß man nicht so genau. Die Rede des Prinzens geht im allgemeinen Tumult unter.

In einer Ecke hat sich zwischen einem Harlekin und Batman eine handfeste Keilerei entwickelt. Durch das Getöse dringt noch der altbekannte Schlusssatz: „Wolle mer ihn rinlasse?“ Der Prinz sackt in sich zusammen. Unter lautem „Träräää!“ der Kapelle betritt der erste Büttenredner erst den Saal und dann die Bütt.

„Liebe Närrinnen, meine Herren!“

Weibliche Buhrufe aus dem Publikum. Die ersten Flaschen fliegen. Eine trifft Winnetou am Kopf und er fällt lallend rückwärts in die Dekoration. Der Büttenredner lässt sich nicht beirren: „Hier erzähl ich eine Schote für euch dumme Vollidiote!“ Dann rafft ihn der Volkszorn hinweg.

Die Herrentoilette sieht aus, als wäre in ihr eine Gulaschkanone explodiert. Daran trägt aber nicht Opa Kasunke, welcher heute als Pipi Langstrumpf unterwegs ist, die Schuld. Er bricht nämlich verwundert gefühlte drei Kilo Kartoffelsalat plus Würstchen in ein goldenes Klosettbecken, was ihm später jede Menge Ärger mit dem Posaunisten der Kapelle einbringen wird. Der Andrang an der Damentoilette wird stärker. Der Maurer von YMCA hat eine Geschäftsidee. Er nimmt Eintrittsgeld, welches später ordnungsgemäß mit den Funkenmariechen geteilt wird. Denn inzwischen ist nicht nur Chantalle, sondern auch einige andere Funkenmariechen ohne Schlüpfer unterwegs. Verfall von Moral und Sitte allerorten.

Der zweite Büttenredner, ein angesehener Lokalpolitiker, wird schon auf dem Weg zur Bütt niedergerungen. Die Instinkte der Karnevalisten haben sich auf zwei reduziert: Alkohol und Damentoilette. Die Gemeindeschwester will in Gestalt von Dornröschen Kondome verteilen. Zorro und der Papst, im wirklichen Leben als Pfarrer und Gemüsegroßhändler Knollmann unterwegs, verhindern das.

Chantalle hat unter anderem nun auch die Schnauze voll und rettet sich mit einem Sprung aus dem Toilettenfenster in einen Müllcontainer. Langsam kommt Stimmung auf. Dafür lässt die Koordination der Karnevalskapelle spürbar nach. Gegen zwei versucht die Polizei den Saal zu stürmen. Bis zur Tribüne kommen aber nur wenige, die meisten bleiben bei der Damentoilette hängen. Gegen drei Uhr lassen bei allen Beteiligten langsam die Kräfte nach, die meisten können nur noch mühsam kriechen.

Der Wirt klingelt die letzte Runde aus.

Der Karnevalsprinz ist schon los. Angehörige finden ihn am nächsten Vormittag halbnackt und unterkühlt zusammen mit dem Funkenmariechen im Müllcontainer. Mit dieser Schmach will und kann er nicht leben. Anderentags setzt er seinem Leben ein Ende, indem er auf einer Düsseldorfer Karnevalsveranstaltung laut „Kölle alaaf!“ ruft.

Bilanz der Karnevalsveranstaltung:

Neunundzwanzig Alkoholvergiftungen, einen schweren Schädelbruch (ein Spaßvogel hatte eine Bowlingkugel in die Konfettikanone geschmuggelt), vier Tonnen Glasbruch, drei Doppelzentner unfreiwilliger Magenbruch, neun Nasenbein- und fünf Kieferbrüche, dreizehn abgebrochene Schneidezähne, eine Wanderniere, sieben ungewollte und zwei gewollte Schwangerschaften, neunzehn Scheidungen, elf Beleidigungsklagen, zwei Hodenquetschungen und ein gerissener Schließmuskel.

Da lob ich mir doch den Fasching anne Küste hinnern Deich.

Schrankwand

21.34 Uhr Anruf von Tante Ottilie.
Sie bittet um Hilfe beim Aufbau ihrer neuen Schrankwand. Voreilig zugesagt. Scheiß Alkohol! Apropos, die Flasche Doppelkorn ist noch nicht leer.

9.00 Uhr Anruf von Tante Ottilie. Sie wartet schon seit einer Stunde. Ach so, die Schrankwand!
Arrgh, nie wieder Alkohol. Jedenfalls keinen Doppelkorn vor dem Frühstück.

9.37 Uhr Abfahrt.
9.51 Uhr Ankunft.
9.51 Uhr und 4 Sekunden: Überprüfung der Biervorräte. Ergebnis niederschmetternd. Mit der Ausrede, einen Schraubenzieher zu holen, zur Tankstelle gefahren. Verdurstungstod vorerst ausgeschlossen.

10.12 Uhr Frühstück (Ein Pils, ein Schinkenbrötchen und zwei Pils).
10.34 Uhr Studium der Bauanleitung. Pah, Kleinigkeit!
10.41 Uhr Öffnen der Bretterpakete. Ein Pils.
10.46 Uhr Aufstellen der Bodenplatte.
10.59 Uhr Verschrauben der Seitenwände. Zufriedener Blick. Ein Pils.
11.12 Uhr Einsetzen und Verschrauben der Rückwand. Störenden Überstand mit Hammer und Meißel entfernt. Ans Mittagessen gedacht. Vor Hunger ein Pils.
11.32 Uhr Festgestellt, dass die Bodenplatte gar nicht die Bodenplatte, sondern die Deckplatte ist. Interessant!
11.35 Uhr Beim Auseinanderschrauben Fingernagel und Porzellanknauf abgebrochen. Tante Ottilies Brille versteckt. Noch mal Bauanleitung studiert. Kein Wunder. Die lag verkehrt herum! Ein Pils auf den Schreck.
11.54 Uhr Tante Ottilie erkundigt sich nach dem Stand der Dinge. Glaubhaft versichert, so gut wie fertig zu sein.
12.10 Uhr Endlich Mittag (Ein Pils, Königsberger Klopse, zwei Pils, Vanillepudding, ein Pils).
13.00 Uhr Wiederaufnahme der Arbeit. Sie geht spielend von der Hand.
13.05 Uhr Versuch, zuerst die Deckplatte irgendwie irgendwo anzuschrauben frustran. Kopfplatzwunde. Zur Schmerzstillung ein Pils.
13.21 Uhr Mit Hilfe von acht Zimmermannsstiften, zwei Winkeleisen, einer Stehlampe und einem Besenstiel Deckplatte irgendwie irgendwo befestigt! Stolz wie Bolle. Ein Pils.
13.34 Uhr Seitenwände an Tante Ottilies Biedermeierkommode genagelt. Anders hält der Scheiß ja nicht!
13.41 Uhr Rückwand mit vier Rollen Paketklebeband irgendwie schräg zwischen Deckplatte und Seitenwand befestigt. Ergebnis leicht futuristisch.
13.56 Uhr Linke Schranktür entwickelt Eigenleben, entzieht sich mit einer geschickten Körpertäuschung dem Zugriff und trifft linke Großzehe. Hurenhagel! Schnell ein Pils.
14.12 Uhr Der entsetzten Tante Ottilie erklärt, dass Schranktüren total Scheiße aussehen und zudem völlig nutzlos sind. Angebotenen Kaffee ausgeschlagen.
14.23 Uhr Aus Verpackungskarton und übrig gebliebenen Schrauben eine schicke Plisseerückwand gebastelt. Dabei durch plötzlich einsetzende Störung der Erdrotation Gleichgewicht verloren und in die Glasvitrine gestürzt. Herbeieilende Tante mit einer Flasche Pils beschwichtigt. Da Flasche leer war, bleibende Schäden ausgeblieben. Eine Ohnmacht kann manchmal eben auch wohltuend sein.
14.39 Uhr. Beschlossen, Feuer zu machen. In Zimmerspringbrunnen gepinkelt. Ein Pils.
14.52 Uhr Begutachtung. Zugegebenermaßen Konstruktion als leicht instabil eingestuft. Mittels Akkuschrauber Abhilfe geschaffen.
14.59 Uhr Mittels Akkuschrauber linken Daumen wieder von der Seitenwand abgeschraubt. Ein Pils.
15.10 Uhr Einen nassen Lappen für Tante Ottilie geholt. Dabei festgestellt, dass sie eigentlich verdammt gut aussieht für ihr Alter.
15.18 Uhr Da Tante immer noch bewusstlos, Kuchen aus der Küche geholt und über dem Feuer noch mal aufgewärmt. Dabei „Es lebe der Elsässer Flammküchle“ gerufen.

Tante Ottilie kommt wieder zu sich.

15. 34 Uhr Auf die Uhr gesehen und festgestellt, dass es schon kurz vor neun ist.
Zeit für ein Pils. Auf Anfrage bestätigt, dass viereckige Schränke längst out sind.
Tantchens Mut zur Veränderung und ihren guten Geschmack gelobt.
Erfolgreich Stuhlgang unterdrückt.
15.47 Uhr Feuer gelöscht. Leichte Veränderung des Parkettfußbodens festgestellt. Musste sowieso mal wieder übergeschliffen werden. Wird morgen erledigt. Darauf ein Pils.
16.01 Uhr Kreuzschmerzen verspürt. Hexenschuss? Tantchen meint, es könnte auch der große Glassplitter sein, der zwischen den Schulterblättern steckt. Typisch, sie weiß immer alles besser!
16.02 Uhr Tantchen entfernt Glassplitter. Zähneknirschend Besserung zugegeben.

Um kurze Pause gebeten, da Länderspiel in vollem Gange.

16.05 Uhr Bildstörung! Wo ist die Kombizange? Mit Korkenzieher und Stichsäge Rückwand des Fernsehapparates entfernt. Fachmännisch ins Innenleben geschaut.
16.09 Uhr Ah, klare Sache, das Netzteil.

Das haben wir gl...

Neulich im Sparmarkt

Herbert Spökenmayer betritt mit entschlossenem Blick den Supermarkt seines Ergrauens.
Zuerst an die Käsetheke, da liegen immer ein paar Gratiswürfel herum. Zu seiner großen Freude Appenzeller mit Bärenschlauch! Soll ja gut für die Prostata sein, denkt er schmatzend und vergisst, dass er ja gar keine mehr hat.
In der Gemüseabteilung sucht er sich einen schönen Kohlrabi aus, zückt sein Taschenmesser und schält ihn sorgfältig. "Was machen Sie denn da?"
"Wer will das wissen?" Die Auszubildende Yilderim Anatolia Lehmann will das.
"Reg dich nicht auf, Mädchen. Da hinten steht auf einem Schild, dass man Verpackungsmaterial im Markt lassen kann. Wo soll ich die Schalen hinwerfen?"
Azubi Lehmann ist ratlos. "Machen Sie das mit den Apfelsinen auch so?"
"Gute Idee, sind die im Angebot?"
Nein, sind sie nicht, dafür aber Staudensellerie.
Den hasst Herbert zwar wie grüne Seife, aber Angebot ist Angebot.
Man muss schließlich sparen. Machen die Bundestagsabgeordneten doch auch alle, das hatte er in der Zeitung gelesen.
Die sind alle auf Diät. Und die wollen sie jetzt sogar noch verschärfen oder so.
Sehr vorbildlich, denkt Herbert, greift sich ein paar Selleriestangen und wendet sich der Wurstabteilung zu. Da ihm seine Gleitsichtbrille von der Nase gleitet, lugt er über deren Rand in die Regale.
"Wo ist das meiste Cholesterin drin?", fragt er die Wurstverkäuferin in barschem Ton.
Herbert achtet nämlich sehr auf eine cholesterinreiche Ernährung, schon um seinen Hausarzt Dr. Güldenpfennig zu ärgern. Der hat sich doch tatsächlich letzten Monat ein neues Auto gekauft, der Hund!
Alles von meinem Geld, denkt Herbert griesgrämig. Soll sich der doch bei der nächsten Blutkontrolle schwarz ärgern! So ein Mist, dass ich nicht auf irgendwas algerisch bin, denkt Herbert Spökenmayer.
Dann könnte er den Quacksalber noch mehr piesacken.
"Hundert Gramm von der fetten Leberwurst da!", ordnet er an.
Eilfertig wird seinem Wunsch nachgekommen.
"Hundertzwanzig?"
Ha, der Klassiker. Nicht mit einem knallharten Mann wie Herbert Spökenmayer!
"Nein, nicht hundertzwanzig, hundert hab ich gesagt. Die muss wohl weg, oder warum wollen Sie mir mehr davon unterjubeln?"
"Ist ja gut!" Die Frau säbelt ein kleines Stück von der Wurst ab.
Das Unheil nimmt seinen Lauf.
Neunzig Gramm!
"Sagen Sie mal, sind Sie zu dämlich, hundert Gramm Wurst abzuschneiden?
Denken Sie, bloß weil ich Rentner bin, können Sie so mit mir umspringen?"
Die Verkäuferin bekommt einen roten Kopf, sagt aber nichts.
"Ach, jetzt will ich keine Leberwurst mehr. Geben Sie mir einen Napf Griebenschmalz.
Aber ohne Grieben!" Die bleiben nämlich immer hinter seiner kaputten Prothese hängen.
"Griebenschmalz ohne Grieben haben wir nicht, aber Sie können Schmalz ohne Grieben haben." Die Verkäuferin beweist Kooperationsfähigkeit.
Aber Herbert sieht das etwas anders.
"Wenn Sie mir Ihr Ohrenschmalz andrehen wollen, sagen Sie es doch gleich! Ich will jetzt zwei Knacker. Zwei, hab ich gesagt, kommen Sie mir jetzt nicht mit drei an!"
Mit gerunzelter Stirn und verkniffenen Lippen beobachtet er die Handgriffe der Bedienung ganz genau! Nicht mit mir, denkt er. "Nein, nicht die, die sieht irgendwie komisch aus! Die da will ich!"
Sein arthritischer Zeigefinger durchbohrt die Luft.
Herbert bekommt sie wortlos überreicht.
"Geht doch!" Blöde Kuh, denkt Herbert.
Er stapft weiter. Ein Stück Butter. Den Joghurt ignoriert er. Er hat mal gehört, dass da linksdrehende Kulturen drin sind. Und die Roten unterstützen, na, so weit kommt es noch!
Um seine Laune etwas aufzubessern, knallt er an der Kasse seinen Einkaufswagen der vor ihm in der Schlange stehenden Betreiberin des örtlichen Bestattungsunternehmens in die Hacken. Ihren vorwurfsvollen Blick beantwortet er mit dem Herausstrecken seiner Zunge und den Worten: "Damit du weißt, dass ich noch lebe und mich nicht aus Versehen vorschnell einbuddelst!" Ha, das hat gesessen. Die sagt erst mal nichts!
Nun ist er an der Reihe. Ein geschälter Kohlrabi, ein Bündel Staudensellerie, Butter und drei Knacker. Ein Bursche mit mesopubertärem Antlitz und einem Augenbrauenpiercing tippt ein.
"Vierneunundsiebzig, der Herr!"
"Wie viel? Hast du das Datum mitgerechnet?" Blitzschnell rechnet er um.
Für zehn Mark konnte man fünfundvierzig drei mal in den Puff gehen, mit Trinkgeld!
Mürrisch zieht er einen Fünfer aus seinem abgegriffenen Wehrmachtsportemonnaie und achtet exakt auf das Wechselgeld.
Einundzwanzig Cent.
Cent! Wenn er das schon hört. Als ob wir hier in Amerika wären!
Wenn er was zu sagen hätte, ja, dann! Aber leider hat Herbert Spökenmayer nichts zu sagen und nachdem zu Hause seine Frau Ilse bemerkt, dass er das halbe Mischbrot vergessen hat, auch nichts mehr zu lachen.

Neulich in der Volkshochschule - oder was passiert, wenn man sich im Datun irrt...

Ein unauffällig gekleidetes Mädchen mit hochgestecktem Haar und Nickelbrille betritt den hell beleuchteten Raum. Eine Kamera, ein paar Stühle, an der Wand steht eine breite Ledercouch, ein Rednerpult sucht sie vergebens. Scheu lächelt sie zu den drei Männern und zwei Frauen herüber. Ein Mann in ihr seltsam anmutenden Lederklamotten eröffnet die Konversation.
„Jut, nu sind wa jenuch und fangen an. Icke bin der Kalle und leite dit hier heute. Wer hat sowat schon mal jemacht?“
Ein Pärchen hebt die Hände. „Det is prima. Denn starte icke mal mit euch und der da.”
Er zeigt auf die soeben Eingetretene, die unsicher an ihrem Taschentuch herumknetet.
„Sei ma nich so schüchtern, Mädel. Det jibt sich mit de Zeit. Wie heißte denn?“
„Elke Schmidt.“
„Det jeht so nich, ab jetze biste die Vanessa. Also, pass uff. Du ziehst dir jetzt aus!“
Ein erstaunter Blick und eine bange Frage.
„Ausziehen? Muss das sein?“
„Na logisch, dafür biste doch gekommen! Nu mach hinne, runter mit die Plünnen!“
Sie ist das Gehorchen gewohnt und wagt keine Widerrede. Mit rotem Kopf legt Vanessa ihre Kleidung ab, faltet sie, wie sie es in ihrem katholischen Mädchenpensionat gelernt hat, ordentlich zusammen und legt sie über eine Stuhllehne. Beim Slip zögert sie kurz, steht dann aber mit gesenktem Blick nackt vor Kalle. Der runzelt die Stirn.
„Ville dran is an dir aber nich. Und rasiert haste dir ooch nich. Egal, machste eben mit verstärkten Einsatz wieder jut. Nu jehste zu dat Pärchen hin und hilfst se bein Ausziehen. Kamera läuft, Äktschen!“
Vanessa nickt verwundert, geht gehorsam zu den anderen beiden und knöpft der Frau langsam die Bluse auf. Kalle drängt zur Eile.
„Dit jeht fixer. Wir ham nich den janzen Abend Zeit!“ Vanessa versteht und beeilt sich. Bald ist die Frau nackt wie sie. Als die ihr die Brüste streichelt und küsst, zuckt Vanessa erschrocken zusammen. Kalle sorgt zu ihrer Erleichterung für Ordnung.
„Nu halt ma an dir, Püppi. Lesbenszene is erst später bei den Jruppensex dran. Jetze kricht er erst einen jeblasen!“ Mit großen Augen beobachtet Vanessa, wie die Frau dem Mann die Hose auszieht und an seinem Ding lutscht. Ihr wäre nicht im Traum eingefallen, dass man so etwas in den Mund nehmen kann! Sie zweifelt. Aber wenn es doch der Wissenschaft dient? Sie versucht es erst zögerlich, dann immer entschlossener. Kalle ist zufrieden, der Mann offensichtlich auch. Wäre der liebe Gott eine Frau, hätte er gemacht, das es nach Schokolade schmeckt, denkt Vanessa, während sie brav schluckt. Dann gibt Kalle neue Regieanweisungen.
„Fürn Anfang war dit schon janz manierlich. Vanessa, nu lech dir da ma hin.”
Dann winkt er den anderen Mann heran und sagt zu ihm:
“Zieh dir aus und denn verkasematuckelst du ihr einen. Erst von vorn, denn von hinten. Deine Olle soll dir dabei anne Eier lecken und an sich rumspielen.“ Im Handumdrehen ist der Mann nackt und kommt mit einer gewaltigen Erektion breit grinsend auf sie zu.
Jetzt wird Vanessa doch etwas unruhig. Der Kerl macht sich in der Tat anheischig, mit ihr Unzucht zutreiben!
„Moment!“, ruft sie erschrocken aus. „Das geht nicht!“ Kalle zieht die Stirn in Falten, nickt dann aber.
„Vastehe, hast jerade deine Emma. Denn jeht man aber doch nich zu sowat wie dat hier hin! Macht aber nüscht, hier haste Vaseline. Denn soll er ihn dir eben inne Rosette schieben! Dafür musste dir aber umdrehn.“
Das leuchtet Vanessa schon eher ein, dabei ist ihre Jungfernschaft nicht in Gefahr. Trotzdem, eine leichte Unsicherheit bleibt.
„Kann ich vorher mal was fragen?“ Ihre Stimme zittert, vielleicht vor Scham, vielleicht vor Erregung.
„Wat willste denn nu noch wissen?“ Kalle scheint langsam etwas ungehalten.
„Sind diese Leibesübungen wirklich erforderlich? Ich dachte, wir reden nur über die Sache.“
„Reden? Kannste mir mal erklärn, wie icke ein Seminar unter dem Titel „Amateurpornos selbstgemacht“ nur mit Reden bewerkstelligen soll?“
Wie bitte? Hatte sie Amateurporno gehört? Im Veranstaltungsplan der Diakonie hatte doch „Wissenschaftliche Aspekte der unbefleckten Empfängnis unter Berücksichtigung der Gefahren der Fleischeslust“ gestanden, deswegen war sie hier.
Morgen soll sie vor allen Klosterschülerinnen einen Vortrag über dieses Seminar halten, das hatte ihr die Mutter Oberin höchstpersönlich aufgetragen.
Aber das würde sie schlecht können, wenn sie diese Veranstaltung vorzeitig abbricht.
Die Oberin würde sehr enttäuscht von ihr sein. Außerdem, irgendwie ist es ja auch ganz lehrreich, das muss sie sich eingestehen. Sie überlegt nur kurz.
„Was soll ich tun?“, fragt sie entschlossen und spreizt die Beine.

Der Abend an der Volkshochschule wurde übrigens ein voller Erfolg und an Unterhaltungswert nur noch von dem Vortrag übertroffen, den Elke Schmidt am nächsten Tag vor den anderen Novizinnen hielt.

Walter und die Domina

Der Firmenchef Walter Wuttrich zögerte kurz und drückte dann auf den Klingelknopf neben dem Schild „Madam Pain“. Er hörte Schritte und das Klappern von Schlüsseln. Die Tür öffnete sich. Vor ihm stand eine rothaarige Frau in einer schwarzen Lederkorsage und sah ihn herausfordernd an. Walter nahm allen Mut zusammen und sagte: „Guten Tag. Wuttrich mein Name. Wir haben vorhin telefoniert.“
„Ham wa dit?“
„Ja, und einen Termin vereinbart. Sind Sie die Domina?“
„Denkste, ick zieh mir so an, weil ick nach Köln uffn Karneval will? Komm rin!“
Mit zittrigen Knien betrat Walter Wuttrich das Halbdunkel des Flurs. Seine Hände waren vor Aufregung ganz feucht. Nur das matte Licht einer roten Lampe ließ die Konturen der Mauer erahnen.
„Wat haste dir denn so vorjestellt?“, wollte Madam Pain, die den bürgerlichen Namen Gundula Lehmann trug, wissen.
„Ich weiß auch nicht so recht. Was empfehlen Sie denn? Oder ist was im Angebot?“, forschte Walter vorsichtig nach.
„Anjebot is jut. Hier jibt dat Festpreise. Wenn ick mir dir mickriges Kerlchen so ankieken tu, jeh ick mal davon aus, dat de ne devote Ader hast. Also, ick kann dir fesseln und dir den Arsch versohlen, mit Peitsche, Gerte oder Holzkelle. Janz nach gusto. Dit macht hundertfuffzich die Stunde. Günnstuhl inclusive.“
„Hundertfünfzig? Haben Sie auch was Günstigeres?“ Soviel wollte Walter eigentlich nicht anlegen.
„Mann, det hier is keen Billichpuff, sondern ein exclusivet Dominastudio, aba der janz jehobenen Klasse! Aba nu komm erst mal in den Saloon rin, da kannste mir nen Piccolöchen spendieren. Willste ooch wat trinken?“
„Trinken? Ja, gern. Eine Tasse Kaffee vielleicht.“ Walters Herz klopfte eigentlich schon ohne Koffein genug.
„Kannste haben. Macht mit dat Schmunzelwasser vierzig Tacken. Zusammen denn Hundertneunzich. Bezahlt wird vorher! Her mit die Knete!“
Walter nestelte seine Brieftasche hervor und bezahlte.
„Wenn de nich weeßt, watte willst, dann lass mir mal machen! Ab jetze hab ick hier dat Sagen, vastehste?“ Walter verstand, nickte und schlürfte an seinem Kaffee. „Und jetzt kommste mit innen Folterkeller!“ Folterkeller? Hatte sie Folterkeller gesagt? Er wollte doch nur ein klein wenig gedemütigt und verhauen werden! Besorgt folgte er Madam Pain in einen Nebenraum. Dort sah er ein Andreaskreuz, wie man es an Bahnübergängen findet, bloß ohne rotweiße Streifen, dafür mit Handschellen und Ketten. Eine Holzbank, ein Regal mit Peitschen und Gerten, sowie ein gynäkologischer Untersuchungsstuhl vervollständigten das Mobiliar. „So, nu mal runter mit die Klamotten!“, ertönte der scharfe Befehl der Domina.
„Ganz ausziehen?“, war Walters bange Frage.
„Die Socken kannste meinetwejen anbehalten!“ Mit unsicheren Handgriffen entledigte sich Walter seiner Sachen. Beim Feinrippschlüpfer zögerte er.
„Muss ich den auch ...?“
„Na, wat hast du denn jedacht? Wie soll ick dir versohlen, wennsde dat Ding da anlässt? Runter damit!“ Leuchtet ein, dachte Walter und zog blank. Sein Glied hatte die Form einer Backpflaume. Beschämt hielt er sich die Hände vor den Schritt.
„Nu komm her und leck mir anne Stiefel. Uff de Knie mit dir, du Wurm!“ Walter zuckte zusammen und tat, wie ihm befohlen. „Dat machste jut. Zur Belohnung darfste dir dit mal ankieken!“ Die Domina öffnete zwei Reißverschlüsse an ihrem Oberteil. Zwei dicke Quarktaschen quollen hervor.
„Oh!“, sagte Walter mit zittriger Stimme und die Backpflaume begann sich ein klein wenig zu regen.
„Nu lech dir da uffde Bank! Und sach danke, dat ick dir meine Prachtmöpse jezeicht hab!“
„Danke, Madam Pain, vielen Dank!“, buckelte Walter und kroch auf allen Vieren Richtung Holzbank. Er legte sich gehorsam auf den Bauch und wartete.
„Jetze zieh ick dir paar üba, weil de janz böse warst. Nach jeden Schlach haste dir ooch wieder zu bedanken!“ Klatsch! Eine Weidenrute hinterließ einen roten Striemen auf Walters blassem Hinterteil.
„Aua, nicht so doll, bitte.“
 „Du sollst danke und nich bitte sajen!“ Klatsch!
„Danke!“ Klatsch!
„Danke, Madam heeßt ditte!“ Klatsch!
„Danke, Madam!“
„Siehste, jeht doch!“ Klatsch! „So, det is jenuch. Nu steh uff und lech dir da uffn Günnstuhl! Ick muss dir medizinisch untersuchen.“ Unsicher nahm Walter auf dem Untersuchungsstuhl Platz und legte die gespreizten Beine in die dafür vorgesehenen Schalen. Mit freudigem Entsetzen beobachtete er, dass sich Madam Gummihandschuhe anzog.
„Wat is los mit deinen kleinen Pillermann? Hängt ja janz schlapp runter!“ Sie nahm die Backpflaume prüfend zwischen zwei Finger und zog kräftig daran. Walter quiekte auf.
„Hab dir nich so zimperlich, sonst kneif ick dir ooch noch inne Eier! Ick kann ooch ne Zofe holen, die kann dir eenen blasen. Kostet aber ein Fuffi extra!“
„Nein, keine Zofe, bitte!“ Sein Budget war durch das bereits Gezahlte schon ausgeschöpft. Und einen Rosenstrauß zum Hochzeitstag musste er seiner lieben Gattin auch noch kaufen.
„Jut, denn tu ick dir mal ne Hafenrundfahrt verpassen!“ Zack! Walters Augen quollen fast aus den Höhlen. „Ach du Scheiße, nu hab ick in den Eifer det Jefechts die Vaseline vajessen. Hat det weh jetan?“, fragte die Domina besorgt.
„Ein bisschen“, stöhnte Walter mit Tränen in den Augen.
„Ein bisschen sollet ja auch. Aba war mein Fehla mit die Vaseline. Dafür pinkel ick dir ooch umsonst an. Jeht uffs Haus.“
„Danke, Madam!“ Für Gratisangebote war Walter immer zu haben.
Eine halbe Stunde später stand er glücklich und zufrieden wieder auf der Straße. Sein Gesicht verzog sich zu einem sadistischen Grinsen.  Er freute sich schon auf morgen. Da würde er seine Angestellten wieder so richtig zur Schnecke machen. 

Herbert

Herbert war sich nicht wirklich sicher, ob es notwendig war, das zu tun, was er vorhatte zu tun.

Er zögerte und horchte in sich hinein.
Tief durchatmen!
Konzentrieren!
Endlich Ruhe!
Ein Blick in die Runde.
Alle erforderlichen Geräte lagen bereit.
Eigentlich konnte es losgehen.

Kurze Meditationspause.
Herbert fragte sich in Gedanken noch einmal, ob er auch nichts vergessen hatte.
Nein, alles perfekt vorbereitet, es konnte beginnen.
Er schloss die Augen und atmete tief ein. Der Moment der Wahrheit war gekommen.

In jeder Faser seines Körpers spürte Herbert die Anspannung.
Jetzt!
Nein, Moment!
Wirklich alles in Ordnung?

Ja.
Gut, dachte sich Herbert, dann soll es so sein.
Schweiß perlte von seiner Stirn.
Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Zeit, endgültig Abschied zu nehmen!
Herbert entspannte seinen Schließmuskel und leitete entschlossen die Kotsäulenaustreibungsphase ein.

Gut Schiss, Herbert!

Gelobtes Internet

Welch ein Glück, dass sich Heinz Baldruschkeit auf seine alten Tage eine E-Mail-Adresse zugelegt hatte. Das Internet mit seiner Allwissenheit hatte ihm die Augen geöffnet. Wähnte er sich doch bislang als recht rüstiger Rentner, der im Seniorenstift nach dem Tanztee noch ganz gerne mal die Witwe Lehmann auf der Damentoilette flachlegte. Damit ist jetzt Schluss, denn seit Heinz täglich etliche Mails erhielt, war sein Weltbild ins Wanken und er selbst zur Vernunft gekommen.
Nun wusste er es. Sein Penis war zu klein!
Denn warum sonst boten ihm Tag für Tag diverse Unternehmen eine preisgünstige Penisverlängerung an? Die werden schon wissen, warum, schließlich sind die vom Fach, da war Heinz sich sicher. Öbendrein hatte er auch die Gewissheit erhalten, impotent zu sein. Allein gestern hatten mitleidige Pharmaunternehmen ihm sage und schreibe elf Angebote für besonders billige Versteifungshilfen zugesandt. Natürlich hatte er gleich bestellt und einen Abbuchungsauftrag erteilt.
So eine Mailadresse ist doch eine feine Sache. Bequem und günstig. Gestern hatte er erfahren, dass durch technische Umgestaltung seine Sparkasse mal eben schnell seine Kontonummer und die nächsten 20 TAN-Nummern benötigte. Da ersparte er sich doch den Weg zur Bank. So nette Leute sind das! Zunächst war er etwas erstaunt, weil er seine Rente immer auf ein Konto der Deutschen Bank überwiesen bekam, aber nun brauchte er nicht mal einen Brief zu schreiben, nein, er konnte ganz bequem per Mail die freundlichen Herrn darauf hinweisen, dass sein Konto gar nicht bei der Sparkasse war. Kann ja mal passieren, die Banker sind ja auch nur Menschen. Jedenfalls hatte er das geregelt. Nein, was war er glücklich, einen Computer bedienen zu können! Sonst wäre es wohl nie möglich gewesen, sich für das nächste Wochenende eine vollbusige Weißrussin in seine kleine Wohnung zu bestellen. Fünfhundert Euro, die er dafür an die Agentur „Liebesglück“ überwiesen hatte, waren doch nun wirklich nicht zu viel für ein ganzes Wochenende. Und alles bequem und sicher von zu Hause aus per Abbuchungsgenehmigung!
Das Geld war ihm nicht zu schade dafür, denn in Bälde würde er reich sein, sehr reich. Für nur fünfzig Euro im Monat nahm er nämlich jetzt an über tausend Glücksspielen teil, Gewinne garantiert.
Durch das Internet war die Welt ganz dicht an Heinz Baldruschkeit herangerückt. So hatte er festgestellt, dass die monatlichen Gebühren für seinen Anschluss gar nicht an die Deutsche Telekom, sondern automatisch an eine Bank auf den Jungferninseln abgeführt wurden. Donnerwetter!
Das Wochenende kam. Wer nicht kam, war die Weißrussin. Was nicht kam, waren die bestellten blauen Superpillen.
Am Dienstag fanden ihn seine Nachbarn erhängt auf dem Wäscheboden. Denn am Montag war etwas gekommen. Ein Brief der Deutschen Bank, die ihm mitteilten, dass sein Konto um eine Million überzogen sei.

Neulich im Chatroom - oder irren ist menschlich...

„Hi, Nina, wie geht es dir?“
„Danke, Girlie, gut. Warum hast du kein Foto in deinem Profil?“
„Du hast ja auch keins.“
„Hab Angst, man erkennt mich hier.“
„Geht mir genau so. Wie alt bist du?“
„Zweiundzwanzig, und du?“
„Neunzehn. Hast du schon mal Liebe mit einer Frau gemacht?“
„Klar, wäre ich sonst auf dieser Seite?“
„Was machst du so?“
„Studieren. Beschreib doch mal, wie du aussiehst!“
„Ich hab lange blonde Haare, blaue Augen und einen schönen festen Busen. Und du?“
„Ich habe kurze schwarze Haare und einen Apfelpo. Und ich glaube, ich bin heiß auf dich!“
„Ich werde auch schon ganz feucht!“
„Dann streichle dich doch!“
„Mach ich schon die ganze Zeit!“
„Ich fang jetzt auch an.“
„Aah, ich glaube es kommt mir!“
„Ich stell mir vor, wie ich deinen Busen massiere!“
„Mach weiter ...!“
Ein arbeitsloser Maler namens Herbert Schmidt in Essen und der Buchhalter Peter Kohlmeier in Potsdam bekleckerten glücklich und fast zeitgleich ihre Tastaturen. Wie dämlich doch manche Weiber im Internet sind, dachten sie. Und so leicht zu überlisten!

Rauchverbot

Sonntag Vormittag.
Heribert liest versonnen in der Zeitung.
Kaffee und Zigarette sorgen für eine gemütliche Stimmung und künden sanft baldigen Stuhlgang an. Zufrieden blättert Heribert um.
Bahnfahren wird teuer? Ist klar, die haben jetzt über die Festtage höhere Reinigungskosten gehabt, allein drei Leute in Berlin überrollt. Muss ja einer wegmachen, die Sauerei.
Geht ganz schön ins Geld. Die polnischen Putzfrauen werden ja auch immer unverschämter mit ihren Lohnforderungen. Im Gegenzug wird das Kindergeld erhöht. Darüber kann Heribert nur schmunzeln. Nichts hätte ihm ferner gelegen , als auf seiner Irmgard ein Kampframmeln zu veranstalten.
Pendlerpauschale gestrichen? Egal, denkt Heribert, für das, was bei mir noch pendelt, gibt es schon lange keine Zulage mehr.
Mehrwertsteuer erhöht? Das war doch logisch, wo die Regierung doch Steuerentlastung versprach. Darauf hatte er schon damals zur Wahl sein Bruchband verwettet.
Gelassen blättert er um. Der Leitartikel auf Seite Zwei erregt seine Aufmerksamkeit schon mehr. Den Rauchern geht es an den vergilbten Kragen!
Experten haben berechnet, dass die Folgen des Tabakkonsums die Staatskasse fast so sehr belasten wie die Diäten der Bundestagsabgeordneten! Und dass die Kosten auch durch die erhöhten Tabaksteuern nicht wieder herein kommen! Aber selbst diese Hiobsbotschaft trifft Heribert nicht wirklich. Das Essengehen in Restaurants können sich Irmgard und er schon längst nicht mehr leisten. Und ob in Lehrerzimmern, Schulhöfen, Flughäfen und Finanzämtern geraucht werden darf oder nicht, ist ihm herzlich egal.
Hier zu Hause kann er soviel qualmen wie er will. Man darf sich bloß nicht durch das Gequengel von der Alten aus der Ruhe bringen lassen. Aber was kommt als Nächstes?
Atemsteuer? Hämorrhoidensalbe empfindlich verteuern? Es muss andere Lösungen geben, findet Heribert und denkt nach.
Jedes Jahr sterben in Deutschland mehr Autofahrer als Panzersoldaten bei der Ardennenoffensive.
Feierabend mit dem Straßenverkehr? Ihm doch egal. Bis zum Supermarkt schafft er es allemal locker zu Fuß. Trotzdem bleibt er misstrauisch. Alles, was gefährlich ist oder Spaß macht, dem rückt die Regierung zu Leibe. Nun hat Heribert nach seinem langen Leben nur noch einen Wunsch.
Er hofft inständig, seine letzten Erdentage nicht qualvoll in einem Pflegeheim verbringen zu müssen. Darum streicht er die Butter dick, isst täglich ein Ei, pfeift auf seine Cholesterinwerte und qualmt wie ein Schlot. Bisher allerdings bis auf morgendlichen Husten ergebnislos.
Was nun, wenn die schmittsche Ministerin imstande wäre, den Herzinfarkt zu versteuern oder gar zu verbieten? Soll er wegen ihres Sparzwanges und der chronischen Geldknappheit der Regierung etwa an Krebs sterben? Dem muss er einen Riegel vorschieben.
Seine Geldangelegenheiten hat er schon lange geregelt. Irmgard klappert in der Küche geschäftig mit dem Geschirr. Leise schleicht Heribert aus der Wohnung, geht auf den Dachboden, knüpft mit seinen steifen Fingern mühsam eine Schlinge in die Wäscheleine und steigt auf den kleinen Hocker. Knack!
Irmgard findet ihn eine halbe Stunde später wimmernd auf dem Dachboden liegen.
Das Hockerbein hatte Heriberts beachtlichen Gewicht nicht standgehalten, als er versuchte, die Wäscheleine am Dachbalken zu befestigen. Eine weitere halbe Stunde liegt er mit gebrochenem Knöchel im Krankenhaus. Der Arzt beruhigt ihn, der Bruch sei nicht sonderlich kompliziert. Und dass er schon bald mit Krücken auf dem Flur herum humpeln dürfe.
Später belehrt ihn die Schwester, dass Drogen und Alkohol nicht erlaubt seien, ebenso sei ab ersten Januar das Rauchen streng verboten. Das Raucherzimmer ist zu einer Patientenbibliothek umgebaut worden. Da sich mittlerweile drei Raucher bei Stürzen von den Balkons tödliche Verletzungen zugezogen hatten, sich das Auftreten von erkältungsbedingten Lungenentzündungen mehr als verdoppelt habe und es zu mehreren Gardinen- und Stecklakenbränden in den Patientenzimmern gekommen sei, wurde seitens der Geschäftsleitung das Rauchen auf den Toiletten wieder gestattet. Bettlägerige Patienten bekommen täglich Räucherfisch. Die Vernunft hat gesiegt.
Soll die Regierung doch sehen, wo sie ihr Geld herkriegt.
Von Heribert jedenfalls nicht.
Nach seiner Entlassung wird er sich in der Bank sein ganzes Geld in großen Scheinen auszahlen lassen, diese, bevor er noch einmal auf den Dachboden geht, zu Röllchen drehen, mit Pfefferminztee füllen und aufrauchen. Alle!

 

Dr. Frank Hess
Hohendorfer Chaussee 37
17438 Wolgast OT Hohendorf
drfrankhess@web.de

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