~ Dr. Frank Hess Geschichten ~
 

Erwin – Ein Mann rettet die Welt

Hiermit gebe ich meiner geschätzten Leserschaft kund und zu wissen, dass Anfang November mein neuer Satireroman im Semikolonverlag erschienen ist. Er trägt den Titel:
„Erwin – Ein Mann rettet die Welt“
und hat die ISBN-Nr. 978-3-940129-13-0
Arno (Dagobert) Funke war so freundlich, das Design zu übernehmen.
Anschließend eine kleine Leseprobe, in der Erwin in Gestalt des amerikanischen Präsidenten ein Dorf in Ostfriesland besucht und wieder einmal ohne es zu bemerken nur knapp einem Attentat entgeht:

Im prielenpolderschen Landgasthof „Zum dicken Dorsch“ herrschte gespannte Erwartung.
In einer Viertelstunde würde die Delegation um den amerikanischen Präsidenten eintreffen und bis dahin musste alles bestens vorbereitet sein. Heiner Hechtfisch war mit seiner Arbeit zufrieden. Frisch gefangene Flundern, Aale und Sprotten sahen in dichtem Buchenrauch optimistisch ihrer Goldgelbfärbung entgegen, das Schwein drehte am Spieß gelassen seine Runden. Die Bierfässer waren frisch angestochen, die Tafeln rustikal gedeckt.
Der Ostfriesische Trachtentanzverein hatte für seinen Auftritt immer und immer wieder geübt. Die Schalmeienkapelle und die Freuwillige Feierwehr des Dorfes standen sozusagen Gewehr bei Fuß. Die einzige Aufregung hatte es beim Probehissen der amerikanischen Fahne gegeben. Der altersschwache, lange ungenutzte Fahnenmast war nach seinem Aufrichten glatt über seiner Halterung abgeknickt. In aller Eile rödelten die Fischer einige Netzstangen aneinander. Der provisorische Mast war zwar nur halb so lang wie das von Würmern zerfressene Original, erfüllte aber bestens seinen Zweck. Leider konnte man die Fahnen jetzt nicht hissen, aber was machte das schon?
So flatterte das Sternenbanner nun in der ungewöhnlichen Höhe von nur zweieinhalb Metern über der Festwiese.
Da die zahlreichen Sicherheitskräfte teils mit Tarnuniformen am Dorfrand im Busch lagen oder teils als Kellner, Schalmeientambourin oder Feuerwehrmann verkleidet waren, störte nichts das friedliche Bild einer friesischen Dorfidylle.
Heiner Hechtfisch hatte seinen Jüngsten Hauke Elias als Vorposten im Straßengraben in der Nähe des Ortseingangsschildes platziert.
Und während sich eine betagte Eule hoch oben in der alten Ulme wunderte, warum die Menschen an einem ganz gewöhnlichen Wochentag so ein Aufhebens veranstalteten,
kam der kleine Hauke Elias Hechtfisch auch schon mit seinem Fahrrad laut
„Sie kommen, sie kommen!“ rufend die Dorfstraße heruntergesaust.
Dann wunderte sich die Eule noch über eine vermummte Gestalt mit verbundenen Füßen, die seit Stunden auf einem Ast unter ihr regungslos ausharrte.
Heiner Hechtfisch ließ das Personal antreten, die Freiwillige Feuerwehr nahm neben ihrem Feuerwehrauto Aufstellung und die Schalmeienbläser setzten die Schalmeien an die Lippen.
Der Konvoi, angeführt von zwei schweren Motorrädern, erreichte die Dorfmitte.
Vorneweg fuhren Polizeiautos, dann etliche Staatskarossen mit verdunkelten Scheiben.
Auf ihren Kotflügeln flatterten der amerikanische und deutsche Stander im Wind.
Den Abschluss der Kolonne bildete ein Schützenpanzerwagen, der festlich mit Blumengirlanden behängt war. Aus dem offenen Turmluk winkte fröhlich ein junger Oberleutnant.
Die Fahrzeuge kamen auf dem Festplatz vor dem Landgasthof zum Stehen.
Die Türen öffneten sich und spieen nach und nach eine große Gruppe von
Menschen aus.
Auf Anraten des Kommerzienrates hatte sich Erwin salopp gekleidet.
Er trug Jeanshosen, helle bequeme Slipper und ein T-Shirt von den Waldecker Kreuzbuben, einem friesischen Skatverein. Seine Begleiterin war nicht ganz so leger angezogen, ein hellblaues leichtes Sommerkleid brachte ihre Figur aber wieder einmal vorteilhaft zur Geltung.
Ihre hochhackigen Schuhe wirkten allerdings etwas fehl am Platze.
Von den anderen teilnehmenden Personen waren Erwin schon einige vom Vorabend bekannt. Mit von der Partie waren auch wieder Walter Wattwasser und Henning Schlick. Erwin freute dies, waren sie doch Garant für unterhaltsame Diskussionen.
Sie würden diesmal aber keinen Streit vom Zaune brechen, denn der Kommerzienrat hatte ihnen jeglichen Parteienzwist bei Androhung allerhärtester Strafen bis hin zur Aussetzung der nächsten Diätenerhöhung untersagt.
Die Schalmeienkapelle spielte einen Tusch. Ein kleines blond bezopftes Mädchen rannte mit einem Strauß bunter Sommerblumen auf die Besucher zu und blieb vor Erwin stehen. Unschlüssig blickte sie ihn an, wandte sich dann aber Mrs. Burger zu und drückte ihr den rein pflanzlichen Willkommensgruß in die schwitzige Hand. Die vorher auswendig gelernten Wörter hatte es vergessen. Verlegen rannte das Mädchen zurück und versteckte sich in der Menge. Dann ergriff der schwergewichtige Bürgermeister von Prielenpolder das Wort.
Er erwies sich als geschickter und ausdauernder Redner. Gerade, als die Sache anfing, langweilig zu werden, bemerkte Erwin, dass über den rechten Pumps Mrs. Burgers, die neben ihm im Gras stand, eine Nacktschnecke kroch und dabei auf dem polierten Leder eine schleimige Spur hinterließ. Er stieß seine Beraterin kurz an und wies diskret nach unten. Gerade als der Bürgermeister enthusiastisch „...ist für unseren kleinen Ort der Höhepunkt!“ ausrief, stieß Mrs. Burger einen gellenden Schrei des Entsetzens aus. Erwin hätte nie gedacht, dass so ein kleines Weichtier eine mit allen Wassern gewaschene Politikerin aus der Fassung bringen könnte. Mrs. Burgers kleiner Aussetzer löste erstaunliche Reaktionen aus. Mehrere Musiker warfen ihre Instrumente weg und zogen blitzschnell halbautomatische Handfeuerwaffen aus ihren Holstern. Das Turmluk des Schützenpanzers schloss sich augenblicklich.
Ein als Koch getarnter Leibwächter warf sich schützend über Mrs. Burger, riss sie zu Boden und bedeckte sie mit seinem Körper. Als ob er sie vögeln wollte, dachte Erwin belustigt. Er hob beschwichtigend die Hände und sprach beruhigend auf die aufgebrachte Masse ein. „Eine Nacktschnecke, es war bloß eine Nacktschnecke, Leute, nur keine Panik!“
Der Leibwächter hatte seinen massigen Körper von Mrs. Burger gewälzt und sich erhoben. Mrs. Burger saß mit immer noch schreckgeweiteten Augen im Gras.
Erwin half ihr auf die Beine. Ihr hochgerutschtes Kleid war über und über mit grünen Flecken bedeckt und gab freie Einsicht auf ihre himmelblaue Spitzenunterwäsche.
Huch, heute mal mit Höschen! Nicht, dass sie schon wieder neue Klamotten braucht, dachte Erwin höchst amüsiert. Zum Glück konnte er sich ein Lachen verkneifen.
Dann half er Cinderella Burger auf die Beine und legte tröstend den Arm um sie.
Der Kommerzienrat entschärfte die Situation endgültig.
„Es war nur ein Versehen, liebe Leute. Wir danken euch für den herzlichen Empfang hier im schönen Prielenpolder.
Lieber Bürgermeister, Ihre Begrüßungsrede war fabelhaft. Nun aber lasst Taten folgen.
Mich hungert!“
Das war Heiner Hechtfischs große Stunde. Lange hatte er an seiner Rede getüftelt.
Er trat vor und sagte mit Pathos in der Stimme: „Mr. Präsident, Herr Kommerzienrat, sehr verehrte Gäste! Das Büffet ist eröffnet!“
Erleichtert zerknüllte er seinen Spickzettel, wies auf die Tafel, griff sich selbst ein großes Messer und begab sich strahlend zu seinem mittlerweile knusprigen Schwein.
„Das erste Stück gebührt unserem Ehrengast, dem Präsidenten von Amerika!“, rief er feierlich aus und säbelte ein saftiges Lendenstück für Erwin herunter. Der nahm dankend an, mischte sich unter das Volk, vervollständigte seinen Proviant noch mit Brot, Sauerkraut, Senf, einem Räucheraal und einem Halbliterkrug friesischen Fassbieres.
Dann ließ er es sich schmecken, ohne sich weiter um Mrs. Burger zu kümmern.
Soll sie doch diesmal selber sehen, wo sie saubere Sachen herbekommt, ging es ihm durch den Kopf.
Schnell hatte er sie vergessen, denn die deftige Hausmannskost mundete ihm vortrefflich. Während er mit fettigen Fingern genüsslich den Aal abnagte, verfolgte er amüsiert die einem Schuhplattler ohne Lederhosen täuschend ähnlichen Darbietungen des Trachtentanzvereins.
Plötzlich setzte sich ein ihm unbekannter junger Mann mit Sandalen, kurzen Hosen und einem offensichtlich handgestrickten ausgebeulten Pullover neben ihn. Er strich sich seine langen Haare aus dem unrasierten Gesicht und starrte Erwin ungeniert an.
„Ist was?“, wollte der so beim Essen Gestörte wissen.
„Mein Name ist Helge Findelkind, der zukünftige Landtagsabgeordnetenkandidat der Quittengrünen Ökopartei!“, stellte er sich endlich vor. Und ein ziemlich unhöfliches Schmuddelkind, fügte Erwin in seinen Gedanken hinzu. „Was ist euer Begehr?“, fragte er dann absichtlich albern. Ernst nehmen konnte er diesen schrägen Vogel mit seiner runden Nickelbrille nicht.
Der schräge Vogel fuhr ihn dann aber erstaunlich scharf an: „Warum haben Sie nicht das Klimaprotokoll auf der Konferenz im nipponesischen Koyotentown unterzeichnet?
Wann ziehen Sie Ihre Truppen aus Asien ab? Wann wollen Sie endlich für das begangene Unrecht an den Ureinwohnern und damit rechtmäßigen Besitzern Ihres Kontinentes büßen? Wann entschädigen Sie die Opfer der Sklaverei?“
Seine kurzsichtigen Augen funkelten kämpferisch. Zwischendurch zog er einmal an einer filterlosen Zigarettenkippe.
Oh, dachte Erwin erbost, da bist du genau an den Richtigen geraten!
Er hätte die Sache normalerweise locker genommen, aber wenn er beim Räucheraalessen gestört wurde, dann konnte Erwin unangenehm werden.
Er spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten, zumeist kein gutes Zeichen für eine friedliche Konfliktlösung.
Man muss die Sache immer von zwei Seiten sehen, dachte Erwin, wobei er vermied, dem Drang nachzugeben, seinem Gegenüber den Grätenteller über die ungewaschenen Haare zu stülpen.
„Sieh mal, Junge, auf der Konferenz konnte ich nicht unterschreiben, weil ich erstens kein Nipponesisch kann und ich zweitens meinen Füllfederhalter verlegt hatte.
Die Truppen in Asien sind nicht meine Truppen, ich besitze keine eigenen Soldaten.
Ich habe nicht einmal einen Hund, nur einen Kaktus. Fragen Sie besser die UNO oder den amerikanischen Kongress. Wenn ich die Truppen aus Asien abziehen würde, säßen Ihre deutschen Soldaten ganz alleine da.“ Erwin redete sich in Rage.
„Wann verlassen Sie endlich Europa, denn Ihre Vorfahren waren es, die den rechtmäßigen Besitzer dieses Kontinents, den Neandertaler, ausgerottet haben.
Ihre europäischen Vorfahren waren es ebenso, die den amerikanischen Kontinent besiedelt und ihn den Ureinwohnern weggenommen haben. Tun Sie endlich dafür Buße! Passend angezogen sind Sie dafür ja schon.“ Erwin wurde jetzt deutlich lauter. „Und schreiben Sie sich eins hinter Ihre abstehenden Ohren: Zwei Dinge hasse ich, und zwar Gewalt und Pazifisten!“
Erwin hörte hinter sich einen Bravoruf.
Als er sich umsah, erblickte er Dr. Schustermeier, der ihm ob seiner forschen Worte applaudierte. „Hören Sie nicht auf den Spinner, Mr. President! Der Bursche ist mit seiner ewigen Stänkerei selbst aus der Ökopartei geflogen. Er muss sich hier irgendwie reingeschlichen haben, eine Akkreditierung oder gar Einladung hat der sicher nicht.“ Bevor der Kommerzienrat einen Wachmann herbei rufen konnte, sprang der Bursche auf und schlug sich seitlich in die Büsche. Soviel also zum hermetischen Abriegeln, dachte Erwin. Wenn das nun ein Terrorist gewesen wäre! Dann fiel ihm ein, dass seine Aufzählung unvollständig war. Es gab noch mehr Dinge, die er nicht mochte:
Blattläuse und Vegetarier; beide aßen seinem Essen das Essen weg.
Dr. Schustermeier sah die Sache nicht so verbissen, als Erwin ihn wegen möglicher Sicherheitsmängel ansprach.
Mit einem „Ach was, der war doch harmlos!“ tat er die Sache als Lappalie ab.
Kaum einer der Anwesenden hatte von dem kleinen Zwischenfall Notiz genommen.
Der weitere Verlauf des Nachmittags gestaltete sich zunächst eher unspektakulär, wenn man einmal davon absah, dass Mrs. Burger, die um den Räucherfisch verständlicherweise einen Bogen machte, ein Stück Schweinebraten auf ihren ohnehin schon ruinierten Rock fallen ließ. Sie hatte das mühselige Umhergestakse auf dem weichen Wiesenboden aufgegeben und saß allein mit einem Glas Grog auf einer Bank. Weit ausladende Holunderbüsche spendeten ihr Schatten.
Vorsichtig an ihrem Glas nippend, fragte Mrs. Burger sich, warum die Deutschen im Sommer kochend heiße Getränke bevorzugten. Dabei beruhte die Sache auf einem Missverständnis. Auf der Autofahrt nach Prielenpolder hatte sie Erwin nach dem Nationalgetränk der Friesen gefragt und er hatte gedankenverloren „Heißer Tee mit Rum!“ geantwortet, Tages- und Jahreszeit völlig außer Acht lassend.
Jetzt sah sie, wie sich Erwin aus der Menge löste und fröhlich lächelnd mit einem vollen Bierkrug auf sie zuschlenderte. Sie befürchtete, dass zumindest zwei Hemdknöpfe dem Druck, den Erwins gut gefüllter Bauch auf sie ausübte, nicht mehr lange würden standhalten können und Gefahr liefen, einem braven Fischer ins Auge zu springen. „Hast du deinen Hunger gestillt?“, sprach sie ihn an. Erwin ging nicht auf die Frage ein, stellte seinen Bierkrug ab und setzte sich neben Mrs. Burger auf die Bank.
„Du bist doch meine Beraterin! Dann berate mich mal! Der Kommerzienrat hat mir heute morgen bei einem Wattspaziergang einen sehr interessanten Vorschlag gemacht.
Er bietet mir an, mich wiederum als seinen persönlichen Berater zu beschäftigen.
Dazu müsste ich aber zurück nach Deutschland. Mich würde deine Meinung dazu interessieren. Kleine Hilfestellung, ab September wäre, falls ich zustimme, der Präsidentenposten vakant!“ Bums, das hatte gesessen! Mrs. Burgers Augen leuchteten auf wie zwei Suchscheinwerfer.
„Das wäre ja toll, Erwin!“, rief sie sichtlich erregt aus, sprang auf und wollte sich Erwin an den Hals werfen. Leider übersah Mrs. Burger dabei eine Kleinigkeit, nämlich ihr noch fast volles Grogglas.
Selbiges erhielt einen Stoß, kippte aber nicht gleich um, sondern nahm Fahrt auf und ergoss dann seinen aromatischen Inhalt in den Schritt von Erwins Hose. Wegen der sommerlichen Temperaturen war der Grog noch weit davon entfernt, auf ungefährliche Gradzahlen abgekühlt zu sein. Erwins Aufsehen erregendes Gebrüll bestätigte diese physikalische Tatsache in eindrucksvoller Manier.
So hatte ganz Prielenpolder die wohl einmalige Gelegenheit, zu beobachten, wie sich ein amerikanischer Präsident nachmittags um vier Uhr schreiend die Hosen vom Leib riss und danach sein krebsrotes Gemächt in einen vollen Bierkrug hielt. Nur diesem schnellen und entschlossenen Handeln von Erwin war es zu verdanken, dass es nicht zur Blasenbildung kam, sondern sich die Verbrühung auf Erwins Beutelgeschirr mit einer kräftigen Rötung in einigermaßen erträglichem Rahmen hielt.
Schnell war Erwin von einer schaulustigen Menschenmenge umringt, die ihr Augenmerk vorrangig auf den Inhalt seines Bierkruges richtete. Und jetzt keine Fotografen dabei, dachte Erwin mit schmerzverzerrtem Gesicht in einem Anflug von Galgenhumor.
Endlich kam tatkräftige Hilfe in Gestalt der Wirtsgattin Wiebke Hechtfisch.
Frau Hechtfisch teilte energisch den Menschenauflauf und trat mit den Worten:
„Zeigen Sie mal her, ich bin die Gemeindeschwester!“ vor Erwin.
„Hier, vor allen Leuten?“ Er beglückwünschte sich, statt eines durchsichtigen Bierglases einen tönernen Krug gewählt zu haben.
Dr. Schustermeier, der besorgt herbei geeilt war, reichte Erwin ein Tischtuch,
damit er provisorisch seine Blöße bedecken konnte. Dankend nahm Erwin an und ging etwas breitbeinig mit Frau Hechtfisch ins Haus.
Mrs. Burger fühlte sich schuldig. Nun will er mich zur mächtigsten Frau der Welt machen und was mache ich? Verbrühe aus Dankbarkeit seine Kronjuwelen, dachte sie beschämt. In ihrem Unterbewusstsein keimte leise die Erkenntnis, dass sie etwas zu Ungeschick neigte.
Nachdem Frau Hechtfisch in ihrem kleinen Sanitätsraum den Schaden genauestens in Augenschein genommen hatte, entschied sie: „Das muss mehr gekühlt werden!“ und wies ihr Personal an, den Toilettenstuhl von Oma Anneliese zu holen und den Eimer bis zum Rand mit Eiswürfeln zu füllen. Darauf setzte sie den immer noch völlig konsternierten Erwin.
Da Oma Anneliese nicht nur eine schwache Blase hatte, sondern auch schon recht fußlahm war, hatte der Dorfschlosser Räder unter den Stuhl montiert und so konnte
Frau Hechtfisch den jetzt medizinisch umfassend versorgten Erwin wieder vor den Landgasthof fahren, wo er von der Menschenmenge begeistert begrüßt wurde.
Frau Hechtfisch drückte ihm mit der sicher gut gemeinten Bemerkung „Zweimal täglich!“ noch einen Topf mit der Aufschrift „Dr. Schlüters Eutersalbe“ in die Hand
und überließ Erwin wieder der Obhut von Kommerzienrat Dr. Schustermeier und
Mrs. Burger. An die Dame mit dem bekleckerten Kostüm gewandt,
sagte Frau Hechtfisch noch mit belehrendem Tonfall und erhobenem Zeigefinger:
„Und Sie halten sich die nächste Zeit besser etwas zurück, meine Liebe!“
Wie sie das wohl gemeint hat, dachte Cinderella Burger verwundert.
Erwin konnte schon wieder säuerlich lächeln.
„Sieh mal, es hat auch seine Vorteile! Du brauchst hier nicht aufs Klo und hast die nächsten Nächte deine Ruhe!“, raunte ihm Dr. Schustermeier leise ins Ohr und drückte Erwin einen Schnaps in die Hand.
Dann kommandierte er einen strammen Wachsoldaten aus der Trachtentanzgruppe als Erwins personengebundenen Anschieber ab.
Dass Erwin nach diesem kleinen Malheur endgültig der Mittelpunkt des Dorffestes war, versteht sich von selbst. Stets war sein Stuhl von mitfühlenden Menschen umringt, die sich nach seinem Befinden erkundigen wollten. Erwin verhalf im weiteren Verlauf dem verspeisten Räucheraal mit einer Reihe von Gläsern mit mehr oder minder hochprozentigem Inhalt zu genügend Freiraum und wurde immer fideler.

Als Erwin sich in das Goldene Buch des Dorfes Prielenpolder eintragen sollte,
entschied er sich spontan für „Häuptling Winnetou“ als Namenszug, eine Idee, die den sturzbetrunkenen Bürgermeister zu Lachkrämpfen veranlasste. So vergingen die Stunden in gelöster Atmosphäre.
Den krönenden Abschluss der Veranstaltung sollte ein Feuerwerk darstellen.
Die Vorbereitungen dafür hatte am Vormittag ein Sprengmeister aus der Kreisstadt getroffen. Leider war dieser nicht mehr auffindbar, so dass der Feuerwehrhauptmann mit geübter Hand und ausreichend Zielwasser das Richten und Zünden der Raketen übernahm. Gleich der erste Schuss war ein Volltreffer.
Nach wenigen Sekunden brannte das Rohrdach von Heino Madsens Fischerkate lichterloh. Das hätte sicherlich überall für Aufregung gesorgt, nicht aber bei den gelassenen und sinnenfrohen Prielenpolderern. Heino Madsen, der sich, nachdem er in seiner Umgebung merkwürdige Farben und sonderbare Muster wahrnahm, kurz zuvor verabschiedet hatte, stürzte mit Weib und Kind aus seiner brennenden Kate.
Mit der rechten Hand reckte er triumphierend seine Feuerversicherungspolice in den Abendhimmel. „Dat is die Kohle für den neuen Kuddäääh!“, krächzte er ausgelassen und klatschte seiner Angetrauten mit der flachen Hand aufs ausladende Hinterteil.
Dass sie nur noch ein kurzes Nachthemd trug, fiel keinem weiter auf.
Die anderen Männer der Freiwilligen Feuerwehr hatten mittlerweile auch festgestellt, dass ihr Einsatz gefragt war und waren mit ihrem Löschfahrzeug in Stellung gegangen.
Benno Boltermann, der Wehrtruppführer, torkelte mit einem dicken Schlauch in beiden Händen hinter dem Feuerwehrauto hervor und krähte aus voller Brust: „Wassääh maaaasch!“ Ein mächtiger Strahl schoss in den Wipfel der alten Ulme und prasselte kraftvoll ins Geäst. Blätter und abgerissene Zweige trudelten zu Boden. Eine Eule erhob sich empört in den dunklen Nachthimmel.
„Mist, zu hoch!“, stellte Wehrtruppführer Boltermann lallend fest, kniff das linke Auge zu und zielte erneut.
Niemandem fiel auf, dass aus der Krone der alten Ulme eine wild um sich schlagende dunkle Gestalt genau auf Madsens brennende Fischerkate fiel, den Dachfirst durchschlug und in die Gluthölle eintauchte. Kurz darauf ertönte ein Knall, den kaum jemand registrierte.
Wehrtruppführer Boltermanns zweiter Versuch saß schon weitaus besser, zumindest die Höhe stimmte jetzt. Gelernt ist eben gelernt, dachte er stolz. Der Wasserstrahl klatschte dem Feuerwehrhauptmann, der immer noch ungläubig vor den Raketenabschussrampen stand, mit voller Wucht in den Rücken und warf ihn zu Boden.
Boltermann äußerte sich anerkennend über den Wasserdruck und korrigierte erneut.
Langsam näherte er sich seinem Ziel.
Die Menge applaudierte jubelnd. Als das Löschwasser zu guter Letzt den Brandherd erreichte, glimmten von Madsens Hütte nur noch Balkenreste. Madsen war das egal.
Zu seiner Verwunderung ersetzte ihm die Versicherung nach der Untersuchung der Brandrückstände pauschal neben den leider im Feuer spurlos und unwiederbringlich verloren gegangenen Gemälden von Rembrandt und Beethoven und einem wertvollen Neandertalerskelett auch ein hochmodernes russisches Scharfschützengewehr mit Zielfernrohr. Dieser Umstand brachte allerdings dem achtjährigen Sohn Madsens,
der hartnäckig leugnete, ein Wilddieb zu sein, eine gehörige Tracht Prügel ein.
Auch Madsens Weib kam nicht ungeschoren davon, hielt Heino die unter den Trümmern von der Polizei gefundenen verkohlten Gebeine doch insgeheim für die sterblichen Reste eines im Schrank versteckten Liebhabers seiner drallen Gattin.
So neigte sich das Dorffest, statt Feuerwerk eben durch ein zünftiges Lagerfeuer aufgewertet, seinem Ende entgegen.
Wer noch gehen konnte, ging nach Hause, alle anderen nahmen in der lauen Sommernacht im Freien auch keinen Schaden. Die Delegation bestieg ihre Fahrzeuge, nachdem sie sich nochmals beim Bürgermeister
und bei Herrn Hechtfisch bedankt hatten.
Der Wirtshausbetreiber musste erst geweckt werden, er hatte es sich mit dem abgenagten Schweinekopf und einer Flasche Friesenkümmel im Arm neben dem Bratspieß bequem gemacht und sogar den Hausbrand verschlafen.
Erwin hatte, als es von unten unangenehm frisch wurde, den Toilettenstuhl letztendlich wieder gegen seine Hose getauscht. Die Rötung und damit der Schmerz im Schritt waren deutlich rückläufig, allerdings hatte Erwins Männlichkeit durch den stundenlangen Aufenthalt im Eiswasser wenn auch nicht die Farbe, so doch die Form einer kleinen getrockneten Pflaume angenommen, insbesondere,
was Oberflächenstruktur und Größe anbelangte.

Endlich im Hotel angelangt, bestand Erwin auf sofortiges Zubettgehen. Honey war ganz der selben Meinung, allerdings krabbelte sie nicht in ihr eigenes, sondern mit in Erwins Lagerstatt.
Sie bestand starrsinnig darauf, die unterkühlte Backpflaume mündlich wieder auf Betriebstemperatur zu bringen. Erwins Bewusstsein war viel zu sehr mit Bier und Friesenkümmel beschäftigt, als dass er noch lange hätte dagegen protestieren können.
Ein gelegentliches leises „Aua!“ war alles, womit er sich zur Wehr setzen konnte.
Honey gab sich die allergrößte Mühe, blieb aber ohne messbares Resultat.
Nach einer halben Stunde hatte sie ein Einsehen, blies das fruchtlose Unterfangen ab und schlief erschöpft auf Erwin ein.

 

 

Dr. Frank Hess
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