~ Dr. Frank Hess Geschichten ~
 

Erwin sieht schwarz - Ein Afrikaroman der anderen Art von Dr. Frank Hess

Peng! Ffft! Die Kugel zischte ganz knapp am linkem Ohr des amerikanischen Präsidenten vorbei. Er beugte sich tiefer und presste sein Gesicht an den Hals seines keuchenden Kamels. Dem armen Tier hing die Zunge bereits auf Armlänge aus dem weit aufgerissenen Maul, doch Erwin trieb es unbarmherzig zu noch größerer Eile an. Er hatte keine andere Wahl, denn wenn ihn seine Verfolger in die Hände bekommen würden, wäre ihm ein grausames Ende gewiss. Zu dumm, dass ich nicht weiß, wie „Hüh“ auf Arabisch heißt, dachte Erwin verbittert und schlug mit den Fersen in die Flanken des durch den glühenden Wüstensand dahinjagenden Tieres. Würde er die rettenden Stadtmauern von Damaskus noch erreichen? Die goldenen Dächer der Minarette waren am Horizont deutlich erkennbar. Plötzlich stolperte das Kamel über eine achtlos weggeworfene Bierdose, strauchelte und kam spektakulär zu Fall. Erwin schlug dumpf auf dem Boden auf und erwachte schweißgebadet. Ich hätte zu Mittag nicht so viele Kohlrouladen essen sollen, stellte er fest. Davon ausgelöst, suchten Erwin in letzter Zeit immer wieder Albträume beim Mittagsschlaf heim. Er atmete erleichtert auf, erhob sich und beschloss, sich außerplanmäßig ein alkoholisches Kaltgetränk zu gönnen.

„Dorothea, stell dir vor, ich bin eingepennt, hab schon wieder von meiner Agentenzeit geträumt und bin von der Couch gefallen!“, rief er aus. Dann schüttelte er über sich selbst besorgt den Kopf, wusste er doch, dass er allein im Haus war.

Das Kühlschranktüröffnungsgeräusch beruhigte seine Nerven. Erwin versetzte die Mischung der Vitamine wegen mit einem Spritzer Zitronensaft, wischte sich den Schweiß von der Stirn und verließ das Haus. Reich zu sein hat durchaus seine Vorteile, dachte Erwin, wackelte mit den großen Zehen und stellte sein leeres Glas auf die Randfliesen des Swimmingpools. Die warme Nachmittagssonne schien auf den von Erwins Frau Dorothea liebevoll gepflegten Steingarten. Trotzdem wollte bei Erwin kein rechtes Glücksgefühl aufkommen. Die Tatsache, dass seine Frau vor zwei Wochen nach Amerika geflogen war, um ihre Eltern zu besuchen, verbesserte seine Stimmung auch nicht. Noch eine Woche des Alleinseins lag vor ihm. Dazu musste Erwin sich immer noch über diesen aufgeblasenen Wichtigtuer ärgern, mit dem er gestern auf dem Golfplatz aneinander geraten war. Und das bloß, weil Erwin ihm nur mal so aus Spaß den Golfball auf den fetten Hintern gedroschen hatte. Erwin verzog die Lippen und stellte fest, dass es immer weniger Menschen gibt, die Spaß verstehen.

Aus diesem Grund hatte er auch den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden einer großen Stahlfabrik abgegeben. Dass er während der Weihnachtsfeier der Führungsetage der beleibten Personalratschefin Obermüller-Thorgau eine weiße Maus ins Dekollete gesetzt hatte, wurde ihm schnell verziehen. Außer von Frau Obermüller-Thorgau natürlich. Als er dem eitlen Leiter der Abteilung Finanzen und Schwarzgeld zum Geburtstag vor versammelter Mannschaft eine Dose Holzkaltleim mit den Worten „Damit Ihr Haarteil nicht immer verrutscht!“ in die Hand drückte, hatte er auch noch die Lacher auf seiner Seite. Eine Woche später war es ihm dann in den Sinn gekommen, während einer Vorstandssitzung plötzlich lauthals „Mann, was ist das langweilig“ zu rufen und danach „Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen ...“ anzustimmen.

Das hatte den Geschäftsführer bewogen, in seiner Funktion als Hauptaktionär eilends eine Hauptversammlung einzuberufen. Erwin nahm den Termin wahr, auf seine Weise eben. Er erschien pünktlich in Gummistiefeln, einem grünen Schlapphut, einer pinkfarbenen Angelrute und einer Dose Regenwürmer. Die gelassen hingeworfene Bemerkung „Machen Sie es kurz, die Barsche beißen gerade wie verrückt“ passte exakt zu Erwins äußerem Erscheinungsbild. Leider litten die Aktionäre an einer Fischallergie und zeigten wenig Verständnis für den zugegebenermaßen etwas eigenwilligen Humor ihres Aufsichtsratschefs. Erwin konnte sich noch an Worte wie „... mangelnder Respekt ..., kann diese Albernheiten nicht länger dulden ...“ und „... wenn nicht, dann ...“ erinnern. Erwin beendete das Gespräch, indem er mit zwei Fingern lässig an den Rand seines Schlapphutes tippte und in Anlehnung an eine berühmte Persönlichkeit „Dann macht euren Mist mal schön alleine“ sagte.

Von diesem Tag an saß Erwin zu Hause und vertrieb sich die Zeit mit der Pflege seiner Kakteensippe, dessen Anführer auf den schönen Namen Hermann hörte. Zum Golfspielen hatte er auch keine rechte Lust mehr. Und so kam, was kommen musste. Erwin begann sich fürchterlich zu langweilen. In Bezug auf den Unterhaltungswert seines weiteren Lebens sah er schwarz. Was waren das noch für Zeiten, in denen er als Spezialagent Klabottke Abenteuer sozusagen im Sekundentakt erlebte! Und das fast in aller Welt. Nun saß Erwin behäbig am Rande seines Pools. Er sah auf seine diamantenbesetzte Armbanduhr, um festzustellen, ob es schon spät genug für einen weiteren Gin Tonic sei.

In die Stille dieses eintönigen Donnerstagnachmittags hinein gab sein Telefon ein Geräusch von sich, das dem Kriegsgesang von Cheyenne-Indianern täuschend ähnelte. Ein profaner Klingelton, das war nicht Erwins Stil. Er fingerte nach dem schnurlosen Kommunikationsgerät und spähte neugierig auf das Display. Rufnummerunterdrückung! So blieb die Spannung erhalten. Erwin stupste mit dem Zeigefinger der linken Hand auf eine Taste, hielt sich das Telefon ans rechte Ohr und sagte schlicht und ergreifend: „Hallo“.

Er ahnte nicht im Entferntesten, welche Konsequenzen dieser Anruf für ihn haben würde. Zuerst vernahm er nur ein leises Rauschen, dann knackte es ein paar mal. Endlich meldete sich eine Männerstimme.

„Klabottke, sind Sie es persönlich?“ Erwin überlief es siedend heiß. Wie konnte jemand seinen richtigen Namen wissen? Diesen hatte er vor einigen Jahren zusammen mit seiner alten Identität als Spezialagent abgelegt!

„Nein, hier spricht Erwin Klabanzke. Sie müssen sich verwählt haben.“ Seine Stimme klang unsicher.

„Nun hören Sie mit dem Schmierentheater auf, Klabottke. Hier spricht Konsul Kloppenstein. Ich habe Sie damals auf Isla Margerita in Venezuela in Empfang genommen, Ihnen und Ihrer Frau neue Pässe besorgt und alles geregelt. Der alte Kommerzienrat Schustermeier hatte mich darum gebeten. Sie werden sich erinnern. Heute muss ich Sie im Gegenzug um Hilfe bitten“.

Natürlich erinnerte sich Erwin an sein abenteuerliches Verschwinden und den Beginn eines neuen Lebens. Und dabei hatte dieser sinnenfrohe Konsul in Venezuela maßgeblichen Anteil gehabt.

„Was ist denn los, gibt es Probleme in Venezuela?“

„Venezuela, das war einmal. Wegen dieser und jener Vorfälle, Sie wissen schon. Ich bin vom Auswärtigen Amt kurzerhand in die Republik Bumbululu versetzt worden.“

Diese und jene Vorfälle, dachte Erwin erheitert. Koks und Nutten zu Lasten des deutschen Steuerzahlers, was sonst? Er verkniff sich eine Bemerkung und fragte: „Bumbululu, wo liegt das denn?“

„Mitten in Afrika.“ Schlagartig wusste Erwin, was in der nächsten Zeit sein Leben bestimmen würde. Sonne, Mückenspray und Elefanten.

„Und? Taugen die Weiber da nichts?“

„Quatsch, darum geht es nicht. Obwohl, ein wenig schon. Eigentlich ist Bumbululu eine Republik mit einer, sagen wir einmal einigermaßen demokratisch gewählten Regierung. Jetzt drohen sowohl ein Militärputsch als auch alte Stammesfehden auszubrechen, bei denen es um Geld, die einzig richtige Anbetung von Göttern und Stoffpuppen und Benutzungsrechte an Wasserlöchern geht. Also bei den Stammesfehden, meine ich. Der Militärputsch wird von einem selbsternannten General Jackson Akinyi angedacht, er will die Macht im Lande an sich reißen. Einige Stämme unterstützen ihn, einige halten zum Präsidenten Mtwapa.“

„Und was habe ich damit zu tun?“ Erwin sprach gelassen, war in Wirklichkeit aber gespannt wie ein Flitzbogen. Es knisterte und rauschte, dann kam die Antwort des Konsuls.

„Ich sitze bis zum Hals in der Scheiße. Und nur Sie als gewiefter Spezialagent können mich hier noch retten, Klabottke! Dummerweise haben Akinyi und Mtwapa, bei denen ich in meiner Funktion als Konsul ein und aus zu gehen pflegte, hübsche Töchter. Muss ich mehr erklären?“ Musste er nicht, Erwin war im Bilde. Immer diese Weibergeschichten! Da machen Kakteen doch deutlich weniger Scherereien.

„Was kann ich für Sie tun?“ Erwin ahnte bereits, was auf ihn zukam.

„Beide Machthaber verlangen von mir Loyalität und Unterstützung, andernfalls geht es mir an den Kragen. Sie müssen hier die Wogen glätten, mir und dem Präsidenten in der Reihenfolge den Arsch retten, den Militärputsch niederschlagen und die blutigen Auseinandersetzungen der Stämme beenden.“
Na, wenn es weiter nichts ist, dachte Erwin belustigt. „Und das alles sicher bis spätestens übermorgen, oder?“ Erwin musste jetzt über sich selbst lachen.
„Jedenfalls so schnell wie möglich. Einen Direktflug nach Bumbululu gibt es nicht. Sie fliegen von Frankfurt nach Nairobi, steigen da in ein Sportflugzeug und landen in Kishimani, das ist die Hauptstadt von Bumbululu. Der Pilot ist ein Belgier namens Van der Döse. Er wird Sie in Nairobi in Empfang nehmen.“
„Und wie ich Sie kenne, ist das ticket- und passtechnisch von Ihnen schon alles durchorganisiert, oder?“
„Ich schätze, morgen wird ein Spezialkurier alle erforderlichen Papiere und ein Notizbuch mit wichtigen Informationen für Sie abgeben. Ihr Flug geht Sonnabend, zwanzig Uhr. Ich hole Sie am Sonntag am Sportflugplatz von Kishimani gegen zwölf Uhr persönlich ab. Und bringen Sie bitte etwas Bargeld mit. Der Rest steht im Notizbuch.“

Einen oder zwei Hunderter werde ich mir schon einstecken, dachte Erwin grinsend.

Frankfurt und Notizbuch, das kam ihm verdammt bekannt vor. So hatte schon mal alles angefangen.
Erwin zog die Füße aus dem Wasser, erhob sich und schlüpfte in seine Bulgari-Badelatschen. Er brauchte jetzt etwas zu trinken. Das leere Glas am Poolrand ignorierend, ging er ins Haus. Zielsicher steuerte er die Hausbar an, entnahm ihr eine Flasche mit der Aufschrift „Übersee-Rum“, ließ den Verschluss knacken und trank einen kräftigen Schluck. Um sicher zu gehen, dass es mit dem Rum seine Richtigkeit hatte, wiederholte er letzteren Vorgang noch einmal.

Ausgerechnet Afrika. Da bin ich ja noch nie gewesen, dachte er. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch, ergriff Federhalter und Papier und schrieb seiner geliebten Ehefrau einen langen, emotionalen Brief folgenden Inhalts:

„Liebe Doro, muss mal eben schnell nach Afrika. Dein Erwin!“

Er überflog die Zeile, runzelte die Stirn und setzte noch „Und nicht vergessen, Hermann zu gießen!“ hinzu. Nunmehr mit sich und seinem zu Papier Gebrachten zufrieden, legte er den Briefbogen gut sichtbar auf den Schreibtisch.

Wenige Minuten später saß er mit einem Atlas von Afrika in der rechten und der Rumflasche in der linken Hand in seiner Bibliothek, um sich geografisches Fachwissen und Bettschwere anzueignen. Eine halbe Stunde später wusste er, dass das kleine Bumbululu im Norden von Tansania lag, an Uganda und Ruanda grenzte und Zugang zum Victoriasee hatte. Ich werde also Angelausrüstung brauchen, murmelte er vor sich hin. Der frühere Inhalt der leeren Rumflasche bewirkte, dass Erwin jetzt die segensreiche Wirkung des hochprozentigen Zuckerrohrschnapses deutlich in Magen und Hirn verspürte. Er erhob sich, diagnostizierte eine leichte Neigung des Parkettfußbodens und begab sich eine Etage höher, wo er Bad und Schlafgemach wusste. Die vierte Treppenstufe bedurfte einer kurzen, aber nicht druckreifen Zurechtweisung. Aufrecht durchschritt Erwin das Badezimmer, bedachte den Zahnputzbecher mit einem verächtlichen Blick und ging zu Bett. Überraschenderweise träumte er nicht von Löwen, Elefanten oder Afrikanerinnen mit riesigen Obstkörben, sondern gar nicht. Sein Gehirn war zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Erwin erwachte am nächsten Morgen, weil jemand hartnäckig die Türklingel betätigte.

Ächzend erhob er sich. Erwin staunte, dass es nicht mehr notwendig war, sich anzukleiden, ging vorsichtig die Treppe herunter, verharrte kurz auf der vierten Stufe und öffnete die Haustür. Er blinzelte in die Morgensonne und nahm einen uniformierten Mann wahr, der ihm ein Päckchen und einen Quittungsblock unter die Nase hielt. Jetzt fiel Erwin der Anruf des Konsuls wieder ein. Er kritzelte seinen Namen auf den Quittungsblock, bedankte sich, wobei er tunlichst vermied, dem Boten ausatemtechnisch zu nahe zu kommen und ging ins Haus.

Erwin frühstückte gesundheitsbewusst einen halben Liter Mineralwasser, eine Tasse Kaffee und drei Kopfschmerztabletten. Dann nahm er das Päckchen in näheren Augenschein. Seine Adresse stimmte, als Absender war Konsul Kloppenstein, Republic of Bumbululu, 37937 Kishimani, Bakerstreet 15 angegeben. Mitten auf dem Päckchen prangte ein roter Stempel mit dem Schriftzug: „Urgently and top secret!“

Erwin benötigte eine Schere, ein Messer, fast zehn Minuten und ein Pflaster, so gut war das Päckchen verschnürt und verklebt. Dann lag der Inhalt vor ihm auf dem Küchentisch. Zuerst warf er einen Blick auf das kurze Anschreiben des Konsuls. Erwin las sich leise vor. “Lieber Klabottke, ich wusste, dass Sie mich nicht im Stich lassen würden. Anbei ein unbegrenztes Visum, ein vom Präsidenten höchst persönlich signiertes Einladungsschreiben der bumbululischen Regierung, Pass und Flugticket sowie zehntausend Bumbu in bar. Konsul Kloppenstein“, stand da geschrieben. Darunter noch die Erinnerung an die Abflug- und Ankunftszeit.

Erwin nahm den Pass zur Hand. Das Bild gereichte ihm durchaus zur Ehre. Ab jetzt war Erwin ein Schweizer aus Basel namens Erwin Rüttli und von Beruf Geschäftsmann, Geologe und Naturforscher, der auf Einladung der Naturwissenschaftlichen Hochschule des afrikanischen Landes zeitlich unbegrenzt Tier- und Pflanzenwelt erforschen durfte, nach Bodenschätzen suchen und gegebenenfalls Verträge über Rohstoffexporte in die Schweiz abschließen konnte. Im Notizbuch wurde noch einmal der Name des belgischen Piloten genannt, ferner eine Auflistung gebräuchlicher Worte der kisuahelischen Sprache sowie Kartenmaterial von Bumbululu und der Hauptstadt Kishimani und der Hinweis, dass man merkwürdigerweise problemlos vor Ort Euro in Bumbu umtauschen konnte. Erwin atmete tief durch. Das Abenteuer konnte beginnen. Ihm blieben ziemlich genau 24 Stunden, um alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Als ersten Schritt studierte Erwin die Fische des Victoriasees, um entsprechende Ausrüstung zur Hand zu haben. Beim Betrachten der Bilder eines dicken Victoriabarsches, der dort den klangvollen Namen Tilapia trug, hüpfte sein Herz vor Freude. Seine Hochstimmung erlitt allerdings einen kleinen Dämpfer, als er feststellen musste, dass es in Bumbululu keine Kakteen gab. Ach was, sagte sich Erwin, irgend etwas Lustiges und Spannendes wird es da schon geben. Er sollte Recht behalten. Dann fuhr er zur Bank, um Geld abzuheben.

Bewaffnet mit allen nötigen Reiseunterlagen, einem Köfferchen mit diversen künstlichen Angelködern, einer Teleskoprute, Taschenmesser, Brotdose und Thermoskanne machte sich Erwin am Sonnabend auf die Reise. Natürlich nicht, ohne sich noch einmal liebevoll von Hermann verabschiedet zu haben. Bis zu der Heimkehr seiner Frau in einer Woche konnte der Kaktus bequem ohne Wasser auskommen. Nur der persönliche Zuspruch würde ihm fehlen, da war sich Erwin sicher. Aber jeder muss eben Opfer bringen. Bei der Ausreise wurden seine Papiere in keiner Weise beanstandet. Wie üblich verzichtete er während des Fluges auf die Bordverpflegung und griff auf seine in allen Lebenslagen bewährten Leberwurstbrötchen zurück. Die Thermoskanne hatte er trotz zäher Verhandlungen mit dem Sicherheitspersonal leider nicht mit ins Handgepäck nehmen dürfen. Nach einer neuen Sicherheitsbestimmung zählten jetzt mehr als 100 Milliliter rote Brause, Haarshampoo und Kaffee zu den an Bord verbotenen Gegenständen. Dabei wäre selbst der gerissene Spezialagent Erwin Klabottke nicht in der Lage gewesen, vermittels einer Büroklammer, eines gebrauchten Kaugummis und drei Schluck entkoffeinierten Kaffees eine Boing 747 vom Himmel zu holen. Erwin belustigte der Gedanke, ob wohl zukünftig beim Einchecken ein Urologe zugegen sein und bei allen Flugpassagieren das Urinvolumen der Blase überprüfen und potenzielle Attentäter, die das gesetzte Limit von einem Zehntelliter überschreiten, sofort zur Meldung bringen würde. Andererseits reizte ihn der Gedanke, Opfer einer Flugzeugentführung zu werden. Das hatte er noch nie erlebt. Und Konsul Kloppensteins Schilderungen zufolge waren die Überlebenschancen eines Europäers in Bagdad, Beirut oder Kabul auch nicht geringer als in Bumbululu. Erwin beschloss, sich während des Fluges die Landessprache anzueignen.

Englisch sollte dort eigentlich jeder verstehen, aber untereinander wurde Kisuaheli vorgezogen, so hatte es im Notizbuch geheißen. „Mzungu“ war die Bezeichnung für einen Weißen. „Wazungu“ die Mehrzahl. „Jambo“ bedeutete „Guten Tag“. Schnell lernte Erwin, dass die am meisten gebrauchten Begriffe „Pole, pole!“ und „Hakuna matata!“ waren, was soviel wie „Langsam, langsam!“ und „Kein Problem!“ bedeutete. Er vermutete, dass es sich bei den Bumbuluern um ein ruhiges, gelassenes Völkchen handeln musste, dem Hast und Eile zuwider war. Kurz bevor er befürchtete, sich dort deswegen schon wieder zu langweilen, lernte er, dass „Lala salama!“ „Schlaf gut!“ heißt, schloss die Augen und schlief auf der Stelle ein.

„Mister Rüttli?“ An Erwins Schulter wurde leicht gerüttelt. Er erwachte, öffnete die Augen und schaute in ein liebliches Gesicht. Dieses Gesicht gehörte einer engelsgleichen Flugbegleiterin in einem azurblauen Kostüm, die ihn höflich aufforderte, sich anzuschnallen, da in wenigen Minuten die Landung in Nairobi erfolgen werde. Erwin staunte, dass er fast sieben Stunden verpennt hatte und kam der Aufforderung rasch nach. Die Maschine landete sanft, rollte aus und nahm ihre Parkposition ein. Noch ein wenig benommen, verließ Erwin die Maschine. Wie er fand, wehte für afrikanische Verhältnisse ein recht kühler Wind. Zum Glück bin ich nicht der Papst, dacht Erwin erleichtert, ansonsten müsste ich jetzt auf Knie und Ellbogen herumkriechen und den dreckigen Asphalt abknutschen. Am Einreiseschalter fragte ein hochaufgeschossener Schwarzer nach seinem Visum für Kenia. Erwin erwiderte, dass er nicht nach Kenia, sondern nach Bumbululu wolle. Der Beamte ließ sich nicht beirren und bestand auf ein Visum für Kenia, da er unabhängig von seinem weiteren Reiseziel jetzt auf kenianischem Hoheitsgebiet stünde. Eine Einreise ohne Visum sei absolut unmöglich.

Absolut unmöglich? Da ist guter Rat teuer, dachte sich Erwin. So teuer nun auch wieder nicht, wie sich schnell heraus stellte. Für fünfzig Euro, sozusagen weiß auf schwarz, hatte sich das Problem des fehlenden Visums von selbst gelöst und Erwin durfte die Passkontrolle passieren. Und weil Erwin zu den Menschen gehörte, die an einem Sonntag das Licht unserer schönen Welt erblickten, war sein Koffer einer der ersten, die das Rollband entlang gefahren kamen.

So, wie hieß jetzt noch mal dieser Belgier, der mich zu Kloppenstein kutschieren soll, dachte Erwin. Während er leise „Düsentrieb, Düse, Dose ...“ vor sich hin murmelte, fingerte er das Notizbuch aus seiner Jackentasche, um dort nachzuschauen. Da, er hatte es. Van der Döse. Was für ein bekloppter Name, selbst für einen Belgier. Er blickte sich nach einer Person um, die so aussah, als würde sie ein belgischer Sportpilot namens Van der Döse sein. Als er sich entschloss, auf dem Flughafenvorplatz nachzusehen, wurde er von zwei bewaffneten Schwarzen aufgehalten, die behaupteten, vom Zoll zu sein und seinen Koffer durchsuchen wollten. Erwin hatte bei der Passkontrolle gelernt. Für zwanzig Euro wurde sein Reisegepäck kurzerhand ohne Kontrolle zu zollfreier Ware erklärt. Die beiden Zöllner wünschten Erwin sogar noch einen schönen Urlaub in Kenia! Als Erwin daraufhin beiläufig erwähnte, dass er kein Safaritourist sei und umgehend weiter nach Bumbululu fliegen würde, verschwand das Lächeln aus den schwarzen Gesichtern und machte einem eher mitleidigen Gesichtsausdruck Platz. Dann tuschelten die beiden, wobei einer sich fortwährend an die Stirn tippte. Erwin wollte erst aufbrausen, entsann sich dann aber des alten Spruches „Ruhig Blut bewahren hilft Geld zu sparen“, hielt lieber die Klappe und schlenderte in die Vorhalle. Dort kam ein Mann mit rotblonden Haaren gemächlich auf ihn zu. Er trug zerschlissene Jeans und ein Tarnhemd. Um seinen Hals baumelte an einer Lederschnur ein undefinierbares hölzernes Amulett.

„Hallo, sind Sie Herr Rüttli?“, fragte der Mann, der eher wie ein Ire als ein Belgier aussah, auf Deutsch mit französischem Akzent.

„Das bin ich wohl“, antwortete Erwin und setzte hinzu: „Ich habe dann wohl mit Herrn Van der Döse die Ehre?“

„Ob das eine Ehre ist, wage ich zu bezweifeln“, gab der Pilot zur Antwort. „Ich habe den Auftrag, Sie nach Kishimani zu fliegen. Wenn Sie mir bitte folgen würden?“

Erwin kam der Aufforderung nach und fragte, nur um etwas Konversation zu betreiben:

„Und wieso ist das hier so kalt? Ich denke, wir sind in Afrika.“

„Klar sind wir in Afrika. Aber Nairobi liegt mehr als 1600 Meter über dem Meeresspiegel, zwanzig Grad werden hier selten überschritten. Der Name kommt vom Massaibegriff Engare Nyarobie, was soviel wie kühler Fluss bedeutet. Das Frieren wird Ihnen aber in Kishimani bald vergehen, das kann ich Ihnen versichern.“ Damit war das Gespräch beendet. Erwin fragte sich noch, ob Van der Döse gern Pralinen und Pommes frites aß, unterließ es aber, diesen Gedanken laut auszusprechen. Nach wenigen Minuten erreichten sie ein kleines Rollfeld, auf dem mehrere Sportflugzeuge standen. „Die da“, sagte der Belgier und wies auf eine einmotorige Maschine, die schon rein äußerlich deutliche Gebrauchsspuren aufwies. „Das ist meine gute alte Philomena!“ Oh, der Herr ist in der frühchristlichen Geschichte bewandert, dachte Erwin verwundert, sagte aber nur: „Aha!“.

Van der Döse verstaute Erwins spärliches Gepäck und half ihm dann beim Einsteigen und Befestigen des Gurtes. „Wie lange fliegen wir denn bis Kishimani?“, wollte Erwin wissen.

„So etwa dreieinhalb Stunden.“
„Reicht überhaupt das Benzin so lange bei dem kleinen Ding?“
„Das will ich doch hoffen. Schließlich bin ich auch hergeflogen, da war ich allerdings allein und die Maschine somit leichter. Könnte also zum Schluss knapp werden. Sind Sie schon mal mit dem Fallschirm abgesprungen?“
Klar!“ Erwin log, ohne rot zu werden. Eigentlich log er nie, er sagte nur manchmal Sachen, die nicht stimmten, weil sie ihm einfach plötzlich in den Sinn kamen.

„Ich hab für jeden von uns einen Schirm dabei, aber eigentlich müsste der Sprit reichen. Will meine gute Philomena ja auch nicht so einfach in den Busch knallen lassen. Hat mir schon gute Dienste geleistet, das alte Mädchen.“

„Wie alt ist das Mädchen denn?“

„Baujahr Achtundsechzig.“ Erwin hoffte inständig, dass der Pilot 1968 und nicht 1868 meinte. Van der Döse betätigte den Startknopf und überprüfte einige Instrumente. Der Motor hustete ein wenig und sprang danach an. Langsam drehte die Maschine, dann gab der Pilot Vollgas. Der rotierende Propeller wurde unsichtbar, die Geschwindigkeit nahm zu. Bald darauf hoben die beiden Männer ab, zusammen mit dem Flugzeug natürlich. Letzteres gewann mehr und mehr an Höhe und bald hatte das Bodenpersonal die Größe von schwarzen Wegameisen. Die Kompassnadel zeigte auf Südwest. Van der Döse nestelte eine zerknautschte Zigarettenschachtel aus der Hosentasche. Dabei ließ er einem Moment die Hände von den Bedienungselementen und die Maschine machte einen kleinen Hopser. Erwins Herz tat es dem Flugzeug nach. Fast wäre ihm ein „Passen Sie doch auf, Mann!“ heraus gerutscht, aber ihm fiel rechtzeitig ein, dass er jetzt wieder ein knallharter Spezialagent mit reichlich Fallschirmsprungerfahrung war. Der Belgier hielt Erwin mit den Worten „Auch eine?“ die Schachtel hin, bekam aber nur ein „Nein, danke. Ist nicht gut für meinen Teint“ zur Antwort. Das, was ich hier tue, dürfte allgemein nicht gut für die Gesundheit sein, setzte Erwin gedanklich hinzu. Bald war das Cockpit mit Tabakqualm erfüllt. Das kenianische Hochland glitt unter ihnen dahin.

Sechshundert Kilometer südwestlich lehnte ein alter Berggorilla an einem Baumstamm, rieb genüsslich seinen Silbernacken an der Borke und beobachtete ein seltsames Treiben. Eine Gruppe schwarzer Soldaten mit gelbbraun gescheckten Uniformen schlich durch den Busch. Jeder der hart gesottenen Buschkrieger hatte ein Gewehr auf dem Rücken, zu zweit trugen sie jeweils eine grün gestrichene Kiste. Einer, der auf den Schultern allerlei bunten Schnickschnack trug und sich wie der Rudelführer benahm, trieb die Männer zur Eile.

„Los, ihr faulen Säcke, etwas mehr Tempo! Wenn die Waffen nicht bis heute Abend in Kishimani sind, reißt euch General Akinyi eure schwarzen Ärsche bis zur Halskrause auf!“ Großen Eindruck schien diese Drohung bei den Soldaten nicht hervor zu rufen, denn sie bewegten sich recht gemächlich auf dem schmalen Pfad, der durch das dichte Unterholz führte. Bald hatte der Gorilla sie aus den Augen verloren. Er bohrte mit dem Finger in seinem rechten Nasenloch, betrachtete interessiert das Ergebnis und beschloss, wieder zu seiner Gruppe zu trotten. Ihm fiel ein, dass heute Sonntag war. Das bedeutete, dass er seine Pflicht als Boss zu erfüllen hatte. Die Gorilladamen erwarteten das nun mal sonntags von ihm. Nicht, dass er daran keinen Spaß gehabt hätte. Beileibe nicht! Aber gleich sieben mal nacheinander, das war ihm doch schon etwas übersetzt. Schließlich war er keine fünfzehn mehr. Aber ihm blieb nichts anderes übrig, denn einige jüngere Männchen warteten nur darauf, dass er Schwäche zeigte und es nicht mehr allen Damen seiner Gruppe ausreichend besorgte. So fügte er sich in das schwere Schicksal, knabberte noch ein wenig von dem bitteren Kraut, das für mehr Standhaftigkeit sorgte, kratzte sich am Sack und machte sich auf den Weg, um die Sache hinter sich zu bringen. Während er überlegte, mit welcher Gorilladame er beginnen sollte, erfüllte plötzlich das Rattern einer Maschinenpistole und ein spitzer Schmerzensschrei die Stille des Regenwaldes.

„Warum ballerst hier rum, du Idiot? Soll ich dich auf links krempeln? Hier ist noch Grenzgebiet!“ Sergeant Bongos Stimme überschlug sich fast vor Wut. Der angesprochene Soldat deutete aufgeregt in das Dickicht.

„Da, da, eine grü... grü... grüne Mamba!“, stieß er ruckweise hervor.

„Quatsch, hier gibt es keine Mambas. Deswegen lässt du die Munitionskiste fallen und knallst in der Gegend rum? Willst du uns die Miliz aus Ruanda auf den Hals hetzen? Die machen keine Gefangenen!“ Der Sergeant war sichtlich erregt. Nicht minder erregt, wenn auch auf andere Art und Weise, war der Soldat, mit dem der Schütze die Kiste getragen hatte. Diese, von nicht unerheblichem Gewicht, hatte durch das plötzliche einseitige Freiheitsgefühl beachtliche Eigendynamik entwickelt und war einem ihrer Träger auf den Fuß gefallen. Der Betroffene hopste laut jammernd auf einem Bein. „Mein Fuß! Mein Fuß ist gebrochen!“, rief er aus. Sergeant Bongo zeigte sich wenig beeindruckt, zog seine Pistole und bemerkte: „Gebrochen? Dann muss ich dich erschießen. Als Krüppel bist du für uns nutzlos“, lud durch und legte an. Dieses rief bei dem Soldaten augenblicklich Wunderheilung hervor. Vorsichtig setzte er den Fuß auf, hob beschwörend die Hände und stotterte: „Nein, nein. Wohl doch bloß ein wenig gequetscht. Bitte nicht erschießen!“ Dieser Zwischenfall hatte die Disziplin der Gruppe, gelinde gesagt, etwas ins Wanken gebracht. Besonders im hinteren Teil der sich im Gänsemarsch bewegenden Formation kreisten wilde Gerüchte. „Was, den Sergeanten hat eine Mamba gebissen?“

„Ja, genau ins Gesicht!“
„Nein, in die Nase!“
„Quatsch, voll in die Eier!“
„Wir werden von der Grenzmiliz beschossen?“
„Wäre ich bloß bei meinen Kühen und Frauen geblieben!“

Einige Männer hatten alles fallen gelassen und sich seitwärts in die Büsche geschlagen. Der Sergeant hatte große Mühe, die militärische Ordnung wieder herzustellen. Er schrie mit zorniger Stimme: „Ruhe! Alle Mann mal her hören! Gar nichts ist passiert! Einer von euch Schwachköpfen hat eine Liane mit einer Schlange verwechselt, die Nerven verloren und losgeballert. Los jetzt! Kisten aufnehmen, Maul halten und weiter!“ Seine während seines Brüllens weit aufgeblähten Nasenlöcher wurden wieder kleiner. Sichtlich erleichtert nahm er wahr, dass die Männer seinen Anordnungen, wenn auch zögernd, Folge leisteten. Zwar nicht sichtlich, aber trotzdem nicht minder erleichtert, war die Grüne Mamba, an deren wunderschönen und todbringenden Kopf die Maschinenpistolensalve nur um wenige Zentimeter vorbei gestrichen war. Mit eleganten Bewegungen brachte sie sich endgültig in Sicherheit. Ihr gleich, wenn auch nicht so anmutig, taten es zwei Soldaten, die nicht mal eine geplatzte Kokosnuss und einen alten Kuhfladen auf den Treueschwur, den sie General Akinyi geleistet hatten, gaben. Wobei ein alter Kuhfladen als Brennmaterial durchaus von Nutzen sein konnte, wie sie aus eigener Erfahrung wussten. Einige Tage später waren die beiden Deserteure wieder in ihrem Dorf und berichteten wohlauf bei dieser und jener Kalebasse selbstgebrautem Hirsebier ihrer mit offenen Mäulern lauschenden Sippe von vollbrachten Heldentaten, wilden Feuergefechten mit ganzen feindlichen Divisionen, saharagroßen Minenfeldern, tagelangen Gewaltmärschen unter heftigstem Beschuss, mit Vorliebe nachts angreifenden Löwenrudeln, mordgierigen Krokodilen und besonders ausführlich von Grünen Mambas, die sich zu Tausenden gleich knäuelweise aus den Büschen auf die Männer gestürzt hatten. Und, nicht zu vergessen, von ihrer wegen übergroßer Tapferkeit ehrenvollen Entlassung aus den Diensten des Generals.

Sergeant Bongo stellte mit Hilfe seines deutschen Feldkompasses der Firma Kaspar&Richter, Baujahr 1912, noch gekonnt fest, dass Norden im Norden und Süden im Süden lag und führte nach dem nicht eingeplanten Zwischenstopp seine Truppe mit harter Hand weiter in Richtung Kishimani. Besondere Vorkommnisse waren nicht zu vermelden, wenn man von der Kleinigkeit, dass beim Überqueren eines schlammigen Flüsschens ein Sturmgewehr, zwei Beutel Marihuana, eine Kiste mit Eierhandgranaten und der Soldat Wilfried Olungma verlustig gingen, absieht. Dass seine Truppe nur noch sechsundzwanzig statt neunundzwanzig Soldaten umfasste, war dem tapferen Sergeant Bongo nicht aufgefallen.

Der alte Silbernacken hatte unterdessen seine Pflichtübungen beendet. Auch ihm war unentdeckt geblieben, dass sich unter die Gruppe der wartenden Gorilladamen verstohlen ein junger Bursche gemischt hatte. Dem Alten war zwar aufgefallen, dass das vermeintliche Gorillamädchen unten herum etwas anders gebaut war, sich aber in seiner Rage und unter dem Einfluss selbstverständlich rein pflanzlicher Drogen darüber weiter keine Gedanken gemacht. Mit einer Brille wäre ihm dieser kleine Fauxpas vielleicht nicht unterlaufen. Nun lag er friedlich vor sich hin dösend unter einer Bananenstaude und genoss die Ruhe, die wieder in den Busch zwischen Ruanda und Bumbululu Einzug gehalten hatte. Dass ein junger Gorilla selbst verschuldet in den nächsten Tagen Schließmuskelkater und Probleme beim Stuhlgang hatte, sei nur am Rande erwähnt.

Während sich Erwin Klabottke in knapp drei Kilometern Höhe an einer nicht stattfindenden Konversation mit Van der Döse erfreute, kaute ein nervöser Konsul Kloppenstein auf seinen Fingernägeln. Die kleine Vorhalle des Sportflugplatzes von Kishimani war fast menschenleer. Nur ein dickbäuchiger Milizionär mit rabenschwarzer Haut lehnte schläfrig an der Wand. Sein Sturmgewehr hatte er lässig über die Schulter gehängt, die offenen Schnürsenkel seiner staubigen Schuhe baumelten wie zu lange gekochte Spaghetti an den Seiten herab. Hin und wieder blinzelte er zu dem auf und ab gehenden Mzungu, der in seinem hellen Anzug deplaziert wirkte, herüber. Er kannte ihn vom Sehen, der Typ war irgend so ein hohes Tier in einer Botschaft. Warum der sich mittags bei der Hitze hier im Anzug herumtrieb, war dem Milizionär unklar. Der Besitzer dieses hellen Anzuges wusste dies hingegen genau und machte sich so seine Gedanken. In wenigen Stunden hatte er sich gemeinsam mit diesem deutschen Spezialagenten mit dem albernen Namen Klabottke bei Präsident Mtwapa einzufinden, um gemeinsam einen Plan auszuhecken, wie man dem putschbereiten General Akinyi das Handwerk legen könne. Und am morgigen Tag erwartete eben dieser General Akinyi ihn zu einer Unterredung im Hauptdorf des Stammes der Lumbos, um den Putsch vorzubereiten. Im Falle einer Nichtkooperation seitens des Konsuls hatten beide Parteien ihm zwei zwar von einander abweichenden, aber gleichsam höchst unerfreulichen und zum selben Endergebnis führenden Offerten unterbreitet. Noch wusste Kloppenstein nicht, wie er diesen heiklen Drahtseilakt bewältigen würde, hoffte aber inständig auf das diplomatische Geschick und den Einfallsreichtum Klabottkes. Denn sowohl die Aussicht, vom Mtwapa fantasielos erhängt zu werden als auch der Gedanke, als knusperiger Hauptgang am Spieß auf einem Dorffest der Lumbos zu enden, waren alles andere als beglückend. Und das bloß, weil er nicht die Finger von den Töchtern der beiden Despoten lassen konnte.

„Kloppenstein“, sagte Kloppenstein plötzlich laut zu sich selbst, „Kloppenstein, da musst du jetzt durch!“ Dieser nicht zu überhörende Ausspruch ließ den dicken Soldaten kurz aufblicken. Die Abgase seines Frühstücks, das aus zwei Zwiebeln und einer Schale gekochter Bohnen bestanden hatte, machten sich hörbar Luft. Kloppenstein schaute verdrießlich, trat aus der Vorhalle, schirmte mit der Hand seine Augen gegen die grelle Mittagssonne ab und spähte in den Himmel. Aus nordöstlicher Richtung war jetzt ein leises Brummen zu vernehmen. Viertel nach Zwölf, dachte Kloppenstein nach einem Blick auf seine Uhr. Das muss Klabottke sein! Das Brummen wurde langsam lauter. Da! Der Konsul konnte die kleine Maschine jetzt sehen. Aber was war das? Aus dem gleichmäßigen Brummen wurde ein „Brrrt ...Brrt ...Brtbrrtbrrt ...Brrt. Dann erstarb das Motorengeräusch und das Flugzeug ging beängstigend rasch zu Boden. Wenige Meter vor dem Rollfeld krachte es auf die trockene Wiese, prallte ab, stieg noch ein mal ein paar Meter in die Luft, um danach erneut heftig auf der schotterigen Landebahn aufzusetzen. Das Buglaufrad brach, die Nase der einmotorigen Flugmaschine schürfte eine tiefe Furche in den Boden, wobei die Rotorblätter in Sekundenschnelle die Haftung zum eigentlichen Objekt verloren und wie welke Blätter, bloß mit erheblich höherer Geschwindigkeit, durch die Luft wirbelten. Dann kam das ramponierte Teil endlich zum Stillstand. Nach ein paar Sekunden, die Kloppenstein wie die oft strapazierte berühmte Ewigkeit vorkamen, öffnete sich die Kanzel und zwei Männer kletterten anscheinend unverletzt heraus. Der Konsul lief ihnen entgegen und erkannte unschwer Pilot Van der Döse und Spezialagent Klabottke. Selbiger schien zwar ein wenig blass um die Nase, rief aber laut „Wo bleibt der rote Teppich? Wo sind die Weiber, wo ist das Bier?“ Erleichtert stellte der Konsul fest, dass sich Klabottke offenbar bester Gesundheit erfreute. Van der Döse zuckte nur einmal mit den Schultern. „Benzin war alle“, war seine lapidare Erklärung. Der Krach hatte jetzt den Dicken mit dem Sturmgewehr aus der Flughalle und aus der Reserve gelockt. Mit strenger und dienstlich wirkender Miene stakste er heran, wobei er es irgendwie geschickt vermied, auf seine losen Schnürsenkel zu treten. „Halt! Papiere! Wer sind Sie und wo kommen Sie her?“, wollte er wissen. Mittlerweile afrikaerfahren und um unnötige Bürokratie zu vermeiden, schob Erwin ihm einen Zehneuroschein in die Brusttasche und klopfte dem Schwarzen jovial auf die Schulter. Mit einem „Tzava, tzava, alles klar!“ unterstrich er einmal mehr seine hervorragenden Fremdsprachenkenntnisse. Als Antwort auf Erwins kameradschaftliche Geste riss der Milizionär das Gewehr von der Schulter, hielt Erwin die Mündung an den Bauch und übergoss ihn mit einem Redeschwall auf Kisuaheli, der Erwin aufgrund seines begrenzten Wortschatzes leicht überforderte. Jetzt schritt der Konsul ein. Leise und ruhig sprach er auf den erregten Sturmgewehrträger ein und sagte dann zu Erwin: „Geben Sie dem Mann langsam Ihre Papiere. Zuerst den Pass, dann das Visum, zum Schluss die Einladung der Regierung. Unterlassen Sie hastige und unnötige Bewegungen. Hier sind im Moment alle etwas nervös. Der Mann hat Sie soeben wegen Bestechung eines Beamten festgenommen. Ich versuche das zu regeln.“

„Was, Bruchlandung und Verhaftung innerhalb einer Minute? Das geht ja gut los hier in Bumbululu. Sagen Sie dem Kerl, er soll seine Flinte wegnehmen, sonst werde ich ungemütlich!“

„Klabottke, halten Sie um Himmelswillen den Mund und tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe. Das Ganze kann hier schnell mal böse ausgehen, richtig böse!“

Erwin brummelte etwas vor sich hin, dass sich bei unfreundlicher Betrachtungsweise wie „beklopptes Hängebauchschwein“ anhörte, zog dann aber langsam seinen Pass und die übrigen Papiere hervor. Der schwarze Milizionär hängte sich das Gewehr wieder über die Schulter, nahm den Pass, blätterte darin, verglich misstrauisch das Foto mit dem Original und schnüffelte mit seiner beeindruckenden Nase daran herum. Beim Betrachten des Visums hellte sich seine Miene etwas auf und als er gar die Einladung von Präsident Mtwapa in den Händen hielt, riss er die Hacken zusammen, salutierte und trompetete: „Herzlich willkommen in Bumbululu, Mr. Rüttli!“

„Siehste, Helga, geht doch“, antwortete Erwin gelassen.

„Wie bitte, ich habe Sie nicht verstanden“, fragte sein Gegenüber.

„Ist schon gut, alter Junge. Reg dich bloß nicht schon wieder auf, das ist bei deiner dicken Wanne nicht gut für den Blutdruck.“ Erwin grinste und wandte sich dem Konsul zu. „Na, alter Schwerenöter, wo drückt der Schuh? Als ich Ihren Anruf bekam, dachte ich, Sie säßen hinter Schloss und Riegel wegen des Gekokses. Aber hier scheint es Ihnen doch prächtig zu gehen!“

„Das scheint nur so“, erwiderte Konsul Kloppenstein, „das Wasser steht mir bis zum Hals. Lassen Sie uns zu meinem Wagen gehen, der steht dahinten. Ich bringe Sie dann in Ihr Hotel. Beziehungsweise in das, was man hier unter Hotel versteht. Da können Sie sich ein wenig frisch machen und dann erwartet uns gegen vier Uhr bereits der Präsident.“

„Klingt gut. Ein Präsident erwartet mich, dann lassen Sie uns keine Zeit verlieren!“, sagte Erwin unternehmungslustig und wandte sich Richtung Auto.

„Hehe, und was ist mit mir?“, fragte mürrisch Van der Döse, der bis zu diesem Zeitpunkt teilnahmslos da gestanden hatte.

„Ach so“, antwortete der Konsul. „Sie können ja nicht zurück fliegen mit der kaputten Kiste. Warten Sie, ich kauf Ihnen eine Neue.“ Daraufhin wechselte er mit dem Milizionär, der gleichzeitig Feuerwehrmann, Flugplatzbetreiber, Fluglotse, Bodenpersonal, Tankwart, Bordellbesitzer und Flugzeughändler war, ein paar Worte. Der wies kurzerhand auf ein paar kleinere Sportflugzeuge, die vor einem Schuppen, der die Bezeichnung Hangar wirklich nicht verdiente. „Nehmen Sie die Gelbe, die ist aufgetankt und der Schlüssel steckt. Den Rest regele ich. Ich wünsche einen guten Rückflug.“ Damit war die Konversation mit Van der Döse seitens des Konsuls beendet. Während sich der Belgier kopfschüttelnd zu den Flugzeugen begab, wurden Erwin und Kloppenstein vom Milizionär eilfertig zum Wagen begleitet. Ein Schweizer mit einer persönlichen Einladung vom Präsidenten, das hatte er noch nicht erlebt! Dem ein paar Kugeln in den Leib zu jagen, das hätte richtig Ärger gegeben.

Als die beiden Wazungu in den Wagen stiegen und los fuhren, salutierte er noch einmal. Dann zog er den Geldschein aus der Brusttasche und prüfte ihn auf das Genaueste.

Erwin und der Konsul hatten inzwischen das Flugplatzgelände verlassen und fuhren in Richtung Stadt. Es herrschte ein beeindruckender Verkehr. Uralte Vehikel, grellbunt bemalte Rostlauben, motorisierte Dreiräder, Fahrräder, Kleinbusse, bei denen die Fahrgäste sowohl im als auch auf und am Fahrzeug hingen. Am Straßenrand standen Kühe und Ziegen und fraßen genüsslich schwarze Mülltüten. An vielen Stellen schwelten kleine Feuer und verbreiteten einen furchtbaren Gestank. Überhaupt erinnerte das Umland Erwin eher an eine brennende Müllhalde als an eine belebte Gegend. Tausende Hütten aus Wellblech, Pappe oder mit Lehm verschmiertem Reisig und eine wimmelnde Schar von zerlumpten Eingeborenen belehrten ihn eines Besseren. Die Fahrt zum Stadtzentrum von Kishimani dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Nicht, dass es so weit gewesen wäre. Der Zustand der Straße war dermaßen bedauernswert, dass der Konsul selten schneller als doppelte Schrittgeschwindigkeit fahren konnte. Andauernd musste er riesigen Schlaglöchern ausweichen. „Sind das Granattrichter? Frostschäden werden es ja wohl nicht sein!“ Erwins Frage war berechtigt. Der Konsul schmunzelte.

„Nein, Frostschäden gibt es hier wahrlich nicht. So ist eben Bumbululu. Der Schwarze schnackselt halt gern, hat aber kein Bedürfnis, die Straße zu reparieren. Wozu auch, sie ist doch noch da und wir fahren auf ihr. Zeit spielt hier keine Rolle. Es gibt hier ein Sprichwort: Die Wazungu, also wir Weiße, haben Uhren, aber wir hier haben die Zeit.“ Rums! Wegen eines entgegenkommenden japanischen Autos, das aus der Zeit stammen musste, als der Tenno noch mit Bauklötzern spielte, konnte der Konsul einem Schlagloch nicht ausweichen.

„Wie lange halten denn hier so die Stoßdämpfer?“, wollte Erwin wissen.

„Im Schnitt ein, zwei Monate.“

„Und dann?“

„Fährt man eben ohne.“

„Und das geht?“

„Sie sehen es ja gerade selbst.“

Erwin machte ein nachdenkliches Gesicht. So etwas wie einen TÜV schien es in Bumbululu nicht zu geben, mutmaßte er. Und damit hatte er Recht. Der Schweiß perlte jetzt in dicken Tropfen von seiner Stirn. Wenigstens braucht hier keiner zu frieren, dachte er. Ihm war danach, viel kaltes Mineralwasser zu trinken. Jetzt wurden die Gebäude größer und waren zumeist massiv gebaut. Erwin wunderte sich kein bisschen, das Reklameschild einer amerikanischen Colafirma zu entdecken. Der Konsul hielt schließlich vor einem dreistöckigen Gebäude, dessen Fassade sicher schon bessere Zeiten gesehen hatte. Über der Eingangstür hing etwas schief ein Holzschild, das den einfallsreichen Namen des Hotels preisgab. „Ich werde also im „Lion Hotel“ residieren“, stellte Erwin sachlich fest. Der Konsul stimmte ihm zu. „Es ist zwar nicht besonders nobel, aber immer noch die beste Herberge vor Ort. Ich habe für Sie ein Zimmer auf den Namen „Rüttli“ gebucht und hole Sie in genau einer Stunde ab.“ Erwin stieg aus, nahm sein Gepäck vom Rücksitz, nickte dem Konsul kurz zu und betrat sein künftiges Domizil. In der kleinen Vorhalle war es brütend heiß. Ein Ventilator trudelte müde an der Decke. An einem der wenigen Tische saß ein Weißer mit schulterlangem grauen Haar und las zigarrerauchend eine Zeitung. Er schenkte Erwin anscheinend keine Beachtung. In Wirklichkeit beobachtete er ihn aber verstohlen aus den Augenwinkeln. Hinter der Rezeption war niemand. Erwin ergriff eine Messingglocke und führte sie heftig schwingend ihrem Verwendungszweck zu. Durch den Lärm aufgeschreckt, eilte ein rabenschwarzer Bengel in einem etwas zu großen weinroten Anzug herbei. Wobei das Wort „eilte“ nicht unbedingt wörtlich zu nehmen war. Erwin eröffnete die Diskussion. „Mein Name ist Rüttli. Für mich wurde ein Zimmer reserviert.“

„Rüttli? Moment, ich sehe mal in die Bestellliste.“ Der Bedienstete zog ein abgewetztes Buch mit Pappeinband unter dem Tresen hervor und blätterte gelangweilt darin herum. „Ja, da steht was. Ein Herr Rüttli aus Schweizerland. Für drei Wochen im Voraus bezahlt.“

„Aus der Schweiz, ja. Dann kann ich jetzt den Schlüssel haben?“

„Eigentlich schon, aber das Bett muss noch bezogen werden. Ich erledige das. Wenn Sie bitte solange Platz nehmen würden? Ihr Gepäck nehme ich schon mit hoch.“

„Gibt es hier so was wie ein Restaurant im Haus? Oder eine Bar? Ich hab nämlich Durst.“

„Gegenüber ist ein Supermarkt.“

Na super, dachte Erwin, zum Glück hab ich paar von diesen Bumbus dabei, verließ die Vorhalle und sah tatsächlich schräg gegenüber einen Laden, über dessen offener Eingangstür großspurig „Supermarket“ geschrieben stand. Erwin überquerte die Straße, wobei er unnachahmlich und überaus geschickt einem Fahrradfahrer ausweichen musste. Der Supermarkt bestand aus einem kleinen Raum, der mit Regalen voll gestellt war. Erwin sah sich um. Das Angebot war erstaunlich vielfältig. Englische Zahnpasta, bunte Hemden, Kekse, mehrere Schrumpfköpfe, verschiedenes Gemüse, ein ausgestopftes Krokodil, Messer, Keulen, ein halbes Leopardenfell, Kaffee und Tee. Eine dicke schwarze Mama erschien hinter einer Tomatenkiste und fragte freundlich nach Erwins Begehr. „Haben Sie kaltes Sodawasser? Und eine Flasche Wodka.“

„Wodka? Hab ich nicht. Wenn Sie sich besaufen wollen, dann nehmen Sie besser das hier! Ist auch gut gegen Bandwürmer.“

„Und was ist das für ein Fusel? Kann man davon blind werden?“

„Das nennt sich Simba Cane, ist aus Zuckerrohr gebrannt, hat knapp fünfzig Prozent und ist ein sauberes Zeug. Soda hab ich, aber nicht gekühlt.“ Erwin war so durstig, dass er sogar lauwarmen Kamillentee getrunken hätte. Oder Ziegenmilch.

„Dann her damit, gleich ein paar Flaschen. Und eine Buddel von Ihrem Feuerwasser, bitte!“

„Brauchen Sie einen Träger? Ich hab gesehen, dass Sie aus dem „Lion“ gekommen sind. Ich lasse es Ihnen liefern. Welche Zimmernummer?“ Über soviel Service war Erwin bass erstaunt. „Meine Nummer weiß ich noch nicht. Ich trag es selber, aber vielen Dank. Wie viel kostet das zusammen?“

„Äh, fünf Soda, ein Simba, das macht zusammen, sagen wir einmal, äh, fünfhundert Bumbu.“ Erwin kramte in der Hosentasche, zog einen Fünfhunderter hervor und reichte ihn der Frau. Diese ließ den Schein blitzschnell in ihrer Kitteltasche verschwinden und reichte Erwin zwei Plastiktüten mit den Flaschen. Der dankte, verließ den Laden und ging wieder ins Hotel. Dabei rechnete er nach. Fünfhundert Bumbu, das entsprach in etwa zwei Euro. Eigentlich recht wenig für fünf Soda und eine Spritgranate, dachte er, war sich aber sicher, gnadenlos beschissen worden zu sein. Mit dieser Vermutung lag er goldrichtig. Im Hotel wartete schon der Page auf Erwin.

„Sie haben Zimmer Nummer Zwei. Einfach eine Treppe hoch. Gepäck ist schon im Zimmer. Hier, Ihr Schlüssel.“ Damit war für den Jungen die Sache nur scheinbar erledigt, denn er blieb grinsend vor Erwin stehen und hielt ihm seine geöffnete Hand hin. Sieh mal, an, der kleine Schlingel, dachte Erwin und sagte:

„Wenn du dir was verdienen willst, dann komm mit hoch und trag mir die Tüten!“ Dieser Bitte kam der Junge nach. Vor der Zimmertür reichte er sie Erwin wieder und erklärte:

„Ich bin übrigens Walter Mbolo. Wenn Sie irgendetwas brauchen sollten, ich kann so ziemlich alles besorgen.“ Und wieder erschien die geöffnete Hand.

„Danke, werde darauf zurück kommen“, sagte Erwin, drückte dem Burschen namens Walter einen Hunderter in die schweißige Hand und schloss das Zimmer auf. Donnerwetter, dachte Erwin, als er sich im Zimmer umsah. Ein riesiges hölzernes Doppelbett, das mit einem löchrigen Moskitonetz versehen war, bildete neben einem Tisch, einem großen Wandschrank, einer alten Couch und ein paar Stühlen das Mobiliar. Zu Erwin großen Freude entdeckte er in der Ecke einen alten Kühlschrank, der obendrein, Erwin konnte sein Glück kaum fassen, intakt war. Sofort deponierte er die Getränke in dem aus den sechziger Jahren stammenden Wunderwerk der Technik. Danach inspizierte er das Bad. Klobecken, Waschbecken, ein in Kopfhöhe aus der Wand ragendes rostiges Rohr, das wohl als Dusche fungieren sollte, mehr gab es da nicht zu entdecken. Als Erwin den Wasserhahn aufdrehte, quietschte es leise. Aber es kam lauwarmes Wasser! Bett, Kühlschrank und Wasser, was will man mehr, dachte Erwin und ging zurück den Wohnraum, um seine wenigen Sachen in den Schrank zu packen. Das Zimmer hatte sogar einen Balkon! Zunächst steckte er das meiste Geld, seinen Pass und die übrigen Papiere in eine kleine Ledertüte und klebte diese mit eigens zu diesem Zweck mitgebrachtem Paketband an die Unterseite seines Bettgestells. Seine übrigen Utensilien waren rasch verstaut. Er wollte gerade in ein grünes Hemd und eine kurze Hose schlüpfen, als ihm einfiel, dass das vielleicht nicht ganz die richtige Bekleidung für einen Besuch beim Präsidenten sein könnte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass zum Duschen keine Zeit mehr sein würde. Leise vor sich hin murrend verteilte Erwin eine Portion Deospray, natürlich tropenerprobt und von „Stiftung Safariausrüstungstest“ mit „sehr gut“ bewertet, unter Achseln und Schritt. Dann zog er seinen hellen Anzug an. Jetzt klebte seine Zunge aber wirklich wie ein alter Rosshaarsocken an seinem Gaumen. Wie erwartet war das Sodawasser noch nicht kalt. Auf solcherlei Lappalien konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Erwin stürzte sich den Inhalt einer Flasche in den Rachen und rülpste laut und vernehmlich. „Mahlzeit“, sagte er zu sich selbst. Er verließ den Raum, schloss ab und ging in die Hotelvorhalle, wo er richtig bereits Konsul Kloppenstein vermutete. Als Erwin die Treppe herunter kam, sah er, dass Kloppenstein und der langhaarige Typ, der ihm vorhin aufgefallen war, in ein angeregtes Gespräch vertieft waren. Der Konsul erblickte Erwin, stand auf und machte die beiden Männer bekannt. „Ich darf vorstellen? Herr Professor Steinrich aus Deutschland. Herr Rüttli aus der Schweiz. Meine Herren, ich denke, Sie werden sich später näher kennen lernen, jetzt ist die Zeit knapp. Herr Professor, ich bitte, uns zu entschuldigen!“

Dann nahm er Erwin am Ellbogen und führte ihn aus dem Hotel. „Was war dass denn für ein schräger Vogel? Der müsste wohl mal zum Damenfrisör. Und der ist Professor? Für was, für afrikanische Regentänze?“

„Nein, nein, er ist Chirurg, hat in Deutschland eine Privatklinik besessen. Und jetzt ist das Finanzamt so sehr an einem kleinen Gespräch mit dem Herrn Klinikbesitzer interessiert, dass bereits weltweit nach ihm gefahndet wird. Bei Ihrer Ankunft hielt er Sie für einen Ermittler in Diensten des Bundeskriminalamtes oder des Amtes für professionellen Steuerbetrug. Ich kenne ihn schon eine ganze Zeit, ist eigentlich ein patenter Kerl und recht nützlich, falls man hier mal krank werden sollte. Ich hab ihm erzählt, Sie seien ein Geschäftsmann und verschrobener Naturliebhaber aus der Schweiz auf Forschungsreise. Normalerweise verirren sich keine Europäer nach Bumbululu.“ Erwin konnte sich zwar nicht vorstellen, wie man bei diesem Bombenwetter krank werden könne, sagte aber dazu nichts. Selbst das „verschroben“ ignorierte er. Statt dessen fragte Erwin: „Und was machen wir jetzt beim Präsidenten? Soll ich da irgendetwas sagen oder machen?“

„Nein, lassen Sie mich das Gespräch führen. Ich weiß selbst nicht so genau, was er von uns will. Er und nur er allein, so hoffe ich, kennt Ihre wahre Identität. In Gegenwart anderer sind Sie natürlich Herr Rüttli! Also los jetzt, der alte Mtwapa wartet nicht gerne!“

Jetzt hetze ich mich hier schon für einen Eingeborenen ab, dachte Erwin. Er war gespannt, in was für einer Kate der Präsident dieses herunter gekommenen Landes residieren würde. Erwin sah sich schon zwischen Ziegen, Mülltüten und Kuhfladen palavern. Die beiden Männer hatten inzwischen die Slums von Kishimani hinter sich gelassen und Erwin hatte Zeit, die Landschaft zu genießen. Die Straße bildete ziemlich genau die Grenze zwischen offener Savanne einerseits und dichtem Dschungel andererseits. Auf eine Elefantenherde wartete er allerdings vergeblich. Stattdessen standen sie hinter einer schlecht einsehbaren Kurve plötzlich vor einem Kontrollpunkt mit Schlagbaum, der von mehreren Bewaffneten besetzt war. „Ganz ruhig bleiben, alles normal!“, flüsterte der Konsul. Er kurbelte die Scheibe herunter und sagte zu den streng blickenden Wachleuten: „Jambo, guten Tag, die Herren! Mich kennen Sie ja und das hier“, er wies kurz auf Erwin, „ist der Herr Rüttli aus der Schweiz, der von Präsident Mtwapa schon erwartet wird!“ Während ein Soldat in das Wageninnere spähte, öffnete ein anderer, ohne um Erlaubnis zu fragen, den Kofferraum. Anscheinend zufrieden, sagte der Anführer: „Sie können passieren. Sie kennen den Weg. Melden Sie sich bei der Hauptwache.“ Der Schlagbaum öffnete sich und Kloppenstein gab Gas. Plötzlich wollte Erwin seinen Augen nicht trauen! Sie standen vor einem Palast, der die Bezeichnung „Märchenschloss“ durchaus verdiente. Kloppenstein parkte den Wagen und beide Männer stiegen aus. „Zuerst müssen wir durch die Sicherheitskontrolle in dieses Häuschen da.“ Erwin fiel ein, dass sein Pass unter dem Bettgestell klebte und teilte dies Kloppenstein besorgt mit. „Da machen Sie sich mal keine Gedanken. Sie brauchen den Pass nicht. Der alte Fuchs Mtwapa kennt Ihr ganzes Leben und hat viele Fotos von Ihnen gesehen. Folgen Sie mir einfach.“ Erwin tat, wie ihm geheißen. Beim Sicherheitscheck passierten beiden einen Metalldetektor, wie auf einem Flughafen. Das Gerät blieb stumm. Dann begann ein Schwarzer, ebenfalls in Uniform, an Erwin herum zu tasten. Das war ihm alles andere als recht!

„Fasst du mir an den Sack, schmier ich dir welche, du Lümmel!“

Kloppenstein räusperte sich hörbar.

„Ja, ist gut, ich sag nichts mehr“, gab Erwin leise von sich. Offensichtlich überzeugt, dass der Palastbesuch keine Waffen oder andere gefährlichen Gegenstände mit sich führte, stellte sich jetzt ein Offizier als Major Orongo vor und bat Kloppenstein und Erwin in einwandfreiem Deutsch, ihm zu folgen. In Deutsch? Erwin war verblüfft. Sie gingen eine leicht geschwungene schneeweiße Marmortreppe empor, durchschritten eine Haupthalle mit vielen Säulen und fanden sich unversehens auf einem Innenhof wieder, der gut und gerne die Größe eines Fußballfeldes hatte. Erwin staunte Bauklötzer. „Wo hat der Strolch die Kohle her?“, wollte er vom Konsul wissen. Der deutete ihm nur an, still zu sein und weiter dem Major zu folgen. Was Erwin dann sah, verschlug ihm den Atem. In einer von Palmen und bunt blühenden Büschen umgebenen Poollandschaft tummelten sich nackte Schönheiten aus aller Welt. Schwedenblonde mit prallen Brüsten, mandeläugige Thaimädchen mit seidiger Haut, rassige Mädchen, die an spanische Flamencotänzerinnen erinnerten, Mulattinnen, braune und schwarze Damen mit Hinterteilen, eins immer knackiger als das andere. Jetzt fehlt nur noch eine Eskimonin, dachte er, verspürte ein deutliches Spannungsgefühl in der Hose und schluckte trocken. Das habe ich nicht mal in meinen feuchtesten Träumen erlebt, musste er sich eingestehen. Die Mädchen badeten, sonnten sich, winkten Erwin lachend zu und trieben sonst allerlei Kurzweil. „Herr Rüttli!“ Erwin wurde unsanft an den eigentlichen Zweck seines Besuches erinnert. Der Konsul hatte ihn wohl schon mehrfach angesprochen. Erwin drehte sich um und sah sich einem großen Mann, Ende Fünfzig, in einem rotseidenen Bademantel gegenüber. An seinen Fingern blitzten schwere Brilliantringe. „Herr Rüttli, nehme ich an?“, richtete er das Wort an Erwin. Der Mann sprach überraschenderweise ebenfalls fast akzentfrei Deutsch.

„Ja, Kla..., klar! Ich meine, klar bin ich Herr Rüttli. Schönen guten Tag auch!“ Kloppenstein runzelte besorgt die Stirn. Es kam noch dicker. Gnädig reichte Präsident Mtwapa Erwin die Rechte zum Handkuss. Soweit kommt das noch, dachte Erwin verärgert, ergriff die Hand, drückte zu und schüttelte sie kräftig. Konsul Kloppensteins Herz setzte ob dieses unverzeihlichen Verstoßes gegen die Etikette einem Moment aus.

„Hallo, Herr Präsident! Na, wie ist denn so das werte Befinden? Nettes Anwesen, das Sie da haben, mein Lieber. Und die Mädels erst! Am liebsten würde ich erst mal in den Pool hopsen. Naja, kleiner Scherz, das.“

Kloppenstein sah das Erschießungskommando schon vor sich. Zu seinem allergrößten Erstaunen winkte Mtwapa den Major von der Sicherheitstruppe nicht herbei, sondern gab ihm zu verstehen, dass er sich zu entfernen hatte. Dann wandte er sich wieder zu Erwin und sagte: „Na, Herr Klabottke, angenehme Anreise gehabt? Die werte Frau Gemahlin daheim wohlauf? Kann ich Ihnen eine Erfrischung anbieten? Oder haben Sie sonst einen Wunsch?“

Konsul Kloppenstein verstand die Welt nicht mehr.

„Wenn Sie schon so direkt fragen, ich hatte keine Zeit mehr, um zu duschen, weil wir Sie nicht warten lassen wollten. Bin etwas später gelandet als geplant, weil ein verrückter Belgier namens Möse oder so nicht genug Sprit hatte und deswegen das Tempo drosseln musste. Ein kleines bisschen abgestürzt sind wir dann trotzdem noch. Habe aber alles gut überstanden, bloß etwas das Schienbein abgeschrammt.“ Zu Kloppensteins nicht mehr zu steigerndem Entsetzen zog Erwin sein linkes Hosenbein hoch und zeigte dem Regenten der Republik Bumbululu seinen leicht aufgeschürften nackten Unterschenkel. Für soviel Respektlosigkeit wäre jeder Andere auf der Stelle exekutiert worden. Erwin setzte eine Miene auf, die es unmöglich machte, ihm böse zu sein und fuhr im Plauderton fort: „Und nun wollen wir mal sehen, was ich für Sie tun kann. Der Konsul sagte mir, Sie stecken ganz schön in der Scheiße. Wegen des geplanten Militärputsches. Keine Sorge, das biege ich schon wieder hin! Hab schon für weniger Geld größeren Unsinn gemacht! Hahaha!“

Kloppenstein gab es auf, zu denken. Der Präsident nickte freundlich und entgegnete:

„Nun bin ich mir endgültig sicher, dass Sie der echte Klabottke und genau mein Mann sind. Sie wollen sich erst etwas frisch machen? Soviel Zeit muss sein!“ Mtwapa winkte zu einem Mädchen hinüber und gab ihr leise ein paar Anordnungen. Sie kicherte, führte Erwin an der Hand hinter eine mit mehreren Duschköpfen versehene geschwungene Wand aus Marmormosaiksteinchen, entledigte Erwin mit geübten Handgriffen seiner Kleidung und rief noch ein paar andere Nackedeis verschiedenster ethnologischer Herkunft herbei. Zusammen rückten sie dem versonnen lächelnden Erwin zu Leibe und unterzogen ihn unter der Dusche einer ausgiebigen Ganzkörperreinigung. Anschließend wurde er abfrottiert und mit duftenden Ölen eingerieben. Erwin schnupperte an sich und sagte: „Das habt ihr ja ganz toll gemacht, Mädels! Aber riecht das nicht eine Spur zu süßlich? Nicht, dass ich jetzt Wespen, Bienen und Schwuchteln anlocke!“ Die Mädchen kicherten nur und entfernten sich. Vorher hüllten sie Erwin in einen dunkelblauen Bademantel und nahmen seine anderen Sachen mit. „Schön bei dreißig Grad waschen!“, rief er ihnen lachend hinterher. Dermaßen erfrischt begab sich Erwin wieder zurück zum Präsidenten, der inzwischen zusammen mit dem Konsul im Schatten an einem Tisch Platz genommen hatte.

„So, meine Herren, jetzt kann´s meinetwegen losgehen. Mal sehen, wie wir Ihnen am besten den Arsch retten, was? Und danke, dass ich Ihre Dusche benutzen durfte.“

„Gern geschehen. Möchten Sie etwas trinken?“, fragte Präsident Mtwapa.

„Ja, wie spät ist es denn?“

„Kurz vor sechs.“

„Gut, dann ein kaltes Bier. Und kann ich auch etwas zu essen haben?“ Der Konsul sah aus, als hätte er sich mehrfach in die Hosen gemacht.

„Selbstverständlich. Gegrilltes Rinderfilet? Oder einen gegrillten Fisch?“

„Rinderfilet klingt gut, das nehme ich. Fisch hat mir zu viele Gräten.“ Der Präsident winkte ein Mädchen heran und orderte ein Bier, ein Rinderfilet, eine halbe Ananas sowie für sich und Kloppenstein ein Ginger Ale. Dieses Mädchen war natürlich nicht nackt, sondern sie trug Badeschuhe und eine weiße Schärpe mit der goldenen Aufschrift „Service“ auf der dunklen Haut. Sie lächelte bezaubernd, machte einen kleinen Knicks und entfernte sich in Richtung Palast. Erwin erwischte sich selbst dabei, wie er auf ihren kleinen Hintern starrte.

„Können wir jetzt zur Sache kommen?“ Kloppenstein hatte sich einigermaßen beruhigt und wollte das Gespräch hinter sich bringen. Er befürchtete zudem, dass Klabottke den Bogen überspannen könnte. Aber Mtwapa schien förmlich einen Narren an dem skurrilen Deutschen gefressen zu haben. Trotzdem traute er dem Frieden nicht recht. „Herr Präsident, was können wir Ihrer Meinung nach für Sie tun?“

„Und wieso sprechen Sie überhaupt so gut Deutsch?“, setzte Erwin zum erneuten Entsetzen des Konsuls hinzu. Präsident Mtwapa überging die Frage des Konsuls und sagte zu Erwin: „Weil ich fünf Jahre Philosophie und Politologie in Heidelburg studiert habe.“

„Donnerwetter! In Heidelburg also. Haben Sie da auch Ihr Herz verloren? Kleiner Scherz, ist ein alter deutscher Schlager.“

„Der ist mir leider nicht bekannt. Aber ich hatte eine schöne Zeit in Deutschland. Major Orongo hat auch in Deutschland studiert, aber im Osten an der Sporthochschule in Leipzig.“

„Guck mal einer an! Aber hier lassen Sie es sich aber doch auch ganz gut gehen. Wenn ich mir Ihr Schlösschen und die Mädels so ansehe, mein lieber Mann! So lässt es sich aushalten!“

„Schon richtig, aber dieses Paradies ist in Gefahr. Wie Sie vielleicht schon wissen, trommelt ein gewisser General Akinyi gerade eine Armee zusammen, um mich zu beseitigen und eine Militärdiktatur zu errichten. Er wiegelt verschiedene Stämme gegen mich auf und besorgt Waffen. Seine größten Anhänger sind die Lumbos, primitive Wilde, bei denen es noch Kannibalismus gibt. Wir müssen verhindern, dass es ihm gelingt, den ganzen Haufen militärisch zu organisieren und zu bewaffnen. Dann wird er auf Kishimani losmarschieren, ein Chaos anrichten und sich zum Alleinherrscher und Tyrannen aufschwingen. Dabei wird eine Menge Blut fließen. Was mit mir geschehen würde, brauche ich Ihnen wohl nicht zu schildern. Aber es geht nicht nur um meine Person, ich hätte noch die Möglichkeit, jederzeit das Land zu verlassen.“

„Falls Sie das mit einem Flugzeug tun und der Pilot ein Belgier namens Möse ist, dann nehmen Sie lieber einen Reservekanister Benzin mit!“, sagte Erwin mit ehrlicher Besorgtheit in der Stimme. Dann überlegte er kurz und fügte „Ich habe einen Plan!“ hinzu.

„Und der wäre?“, fragte der Konsul interessiert.

„Ganz einfach. Ich begebe mich zu diesem wild gewordenen General Albino, biete zum Schein meine Unterstützung an, übernehme das militärische Kommando über diese Menschenfresser und führe sie dann in ein Fiasko. Wenn ich mit denen fertig bin, dann sind das alles Vegetarier, glauben Sie mir! Ich hab da Erfahrung. In der Kreisklasse hab ich mal gegen einen aus Kamerun gespielt, der hat mich andauernd von den Beinen geholt. War ein ganz harter Hund. Bis ich böse geworden bin. Da hab ich ihm einfach die linke Kniescheibe weg getreten. Bin dafür zwar vom Platz geflogen und war anschließend drei Spiele gesperrt, aber der andere lag vier Wochen im Krankenhaus. Und diesen Albinjo oder wie der heißt, den räufle ich auf und serviere Ihnen den Strolch auf einem Silbertablett. Wann kommt eigentlich das Essen?“

Kloppensteins Blutdruck, der sich zwischenzeitlich einigermaßen normalisiert hatte, erklomm wieder Höhen, die jeden anständigen Internisten das Fürchten gelehrt hätten. Was redet dieser Klabottke bloß für einen Mist zusammen, dachte der entsetzte Konsul. Der Präsident sah das Ganze bedeutend entspannter.

„Welche Unterstützung brauchen Sie für Ihr Vorhaben?“, war seine Frage an Erwin. Letzterer sah, dass das Mädchen mit seinem Bier und dem Rinderfilet elfengleich heran schwebte und lächelte versonnen. Er griff zu Messer und Gabel.

„Überleg ich mir beim Essen“, sagte er zum Präsidenten und ließ es sich schmecken. Zehn Minuten später war das gesamte Fleisch seiner Bestimmung zugeführt. Erwin tupfte seinen Mund mit einer Serviette ab und sagte: „Ja, was werde ich brauchen? Erst mal fast gar nichts. Einen voll getankten Jeep, ein Fernglas, in der Hinterhand eine Panzerdivision und vorsichtshalber ein Fallschirmjägerregiment, zwanzig Kampfhubschrauber, ausreichend Simba Cane, fünf Pakete Wunderkerzen, ein Kofferradio, eine Taschenlampe mit Laserpointlicht, einen Wikingerhelm mit Hörnern, einen schwarzen Zylinder, Chinaböller und ein paar Nebeltöpfe mit buntem Qualm. Und einen Eingeborenen als Führer vielleicht, der mich zu den Leuten bringt.“

„Was wollen Sie denn im Dschungel mit Panzern? Bumbululu besitzt gar keine Panzer!“

„Aber ein paar alte Lastwagen werden Sie doch wohl auftreiben können? Und ein paar Tischler, die da einen Holzpanzer draufzimmern können. Hat es alles schon gegeben, funktionierte prima! Der damals die Idee hatte, hieß übrigens auch Erwin. Hubschrauberattrappen zu bauen, wird da schon schwieriger. Denn die haben Sie dann bestimmt auch nicht, oder?“

„Nein, Hubschrauber haben wir ebenfalls nicht. Mein Leibregiment umfasst vierhundert Soldaten, über schwere Waffen verfügen wir gar nicht“, erklärte der Präsident bedauernd.

„Macht nichts, dann muss es eben auch ohne gehen. Ich mach das schon. Wichtig sind die anderen Utensilien. Bis wann können Sie die auftreiben?“

„Ich denke, das ist bis übermorgen machbar.“ Das Servicemädchen brachte Erwins Sachen, die gewaschen und bereits getrocknet waren. Erwin dankte ihr, schlüpfte hinein und bemerkte lässig:

„Gut, den Rest lassen Sie mal meine Sorge sein. Könnte ich noch ein Bier haben? Und vielleicht ein, zwei Schnäpschen zur Verdauung?“

Fortsetzung folgt

 

Dr. Frank Hess
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